Wenn die Abwechslungen im Großen kleiner werden, macht man eben mehr Entdeckungen im Kleinen. Das Bedürfnis meines Geistes, zu sehen, zu erkennen und zu genießen, halte ich mächtig lebendig. Oder vielleicht besser: es hält mich lebendig? Wie schön! Da ist also noch eine Instanz in mir, ganz im Sinne von David Prechts „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“ Ich bin eindeutig mehrere!

ein zahmer Drache?

Auf einem Spaziergang kriecht dieses Tier bittend in meinen Weg. „Sieh mich wenigstens an! Wenn du mehr übrig hast, sag etwas Liebes zu mir! Seit Jahren wachse ich Wurzel über den Weg und mache mich so freundlich flach, dass keiner über mich stolpert. Bitte sag etwas Liebes. Nimmst du mich wenigstens wahr?“

Ist doch toll, diese platte Baumwurzel, oder? Ich habe sie gleich wahrgenommen, das Handy gezückt und sie festgehalten und nun hat sie ihr kleines Denkmal, ihre besondere Aufmerksamkeit von jedem, der sie hier ansieht und ein bisschen bewundert.

draußen vorm Fenster

Gestern Morgen gucke ich aus dem Fenster und bin so platt wie von dem ellenlangen Laster letzter Woche. Davidkopf, Fenster, Vogelhäuschen und dahinten ein riesengroßer Kran. Eigentlich bleiben nur kleine Jungs vor so etwas bewundernd stehen. Und mich erinnert es auch gleich an meine Au-pair-Mädchen-Zeit in Beckenham, nahe Croyden, nahe London. Dort habe ich zum ersten Mal mit der Faszination meines kleinen Schützlings Jonathan vorbeifahrende Züge abgewartet und bewundert. So bunt und auch unterschiedlich. Stundenlang, so kam es mir vor. Das war 1956 und ich war Siebzehn. Ehrlich gesagt ist in meiner jüdischen Familie dort der Grundstein für meine freiere Weltsicht gelegt worden. Ich habe die Zeit dort geliebt, schnell Englisch gelernt, aus Jonathans unendlich vielen Bilderbüchern die Welt aus Kinderaugen erklärt bekommen – was dann eine wesentliche Vorraussetzung für mein Theaterstudium in London war: ich kannte „Little Noddy“ und „Winnie the Poo“ und konnte sogar unterschiedlichen Züge benennen. „Brighton Bell“ war einer von den schönen Zügen. Mit dem ist meine Familie dann mit Jonathan und mir auch tatsächlich einmal nach Brighton gefahren. Es war toll! Der Zug hatte immer Waggons, in denen Bänke für je zwei Personen standen, dazwischen ein entsprechend großer Tisch. Vorm Fenster auf dem Tisch eine Stehlampe mit orangenem Bezug. Auf dem Tisch eine weiße Stoffdecke und Serviette, wie in einem feinen Lokal und dann wurde ein Tee serviert, ein englischer Tee. Auf das angenehmste gesättigt kam man dann in Brighton an. Dieses Peer mit der wunderschönen Stahlkonstruktion. Meine Zeit bei meiner Familie Lee, die bis zur NS Zeit Levy hießen, war ein Traum.

Was mache ich täglich? Und voll Begeisterung? Na, übersetzen. Mein chinesischer Liebesroman wird langsam spannend.

Allen ein wunderschönes Wochenende mit schönen Spaziergängen und netten Gesprächen! Irgendwie!