Abends schneit es. Ich bin begeistert. Aus Angst, am nächsten Morgen könnte sich alles in Wohlgefallen aufgelöst haben, greife ich zum Handy und halte die Herrlichkeit auf dem Balkon fest:

der erste Schnee

Ich erinnere mich beim ersten Schnee immer wieder an meine schöne Lehrerinnen-Zeit. Wenn die ersten Flocken fielen, war kein Halten mehr in MEINEN Klassen: alle liefen spontan zum Fenster, von diesem magisch langsamen Fallen angezogen. Die Lehrerin auch! Der erste Schnee zieht schnurstracks in eine Märchenwelt. Alles ist anders. Schön anders! Irgendwie auch immer mit einem Versprechen. Nach einigen Minuten hatten wir uns dann natürlich alle wieder gefangen, aber einen Moment waren wir ein gemeinsames Staunen.

am näachsten Morgen

Die schöne Überraschung: am nächsten Morgen ist alles noch da und noch überzeugender. Schön! Ich hole gleich meine Wanderschuhe raus, die ihrem ersten Gebrauch entsprechend, nur Jodelschuhe genannt werden. Meine Jodelschuhe habe ich in Wien gekauft. Im heißen Sommer 2015. Bei 40° Celsius habe ich sie eingelaufen: erst eine Stunde im Haus, dann 3 Stunden im Haus, dann einige Stunden auf der Straße, dann einen Tag auf der Straße, dann 2 Tage nacheinander und dann ging es auf die Rimpf, eine Alm, deren Namen allen Wienern vertraut zu sein schien. „Wo geht es denn hin?,“ hatte man mich im Wiener Fachgeschäft gefragt. „Auf die Rimpf!“ „Also, dann, das Eintragen der Schuhe ist ganz wichtig.“

Schneemann

Mit meinen Jodelschuhen sicher durch den Schnee stapfend, sehe ich dann auch bald den ersten Schneemann. Ach, wie liebevoll gebaut. Sogar der Körper ist aus Schnee gerollt. Etwas weiter hat man die Sache vereinfacht, sozusagen, einen Schneemann in Kurzschrift gebaut:

verkürzter Schneemann

Ich bin begeistert von den Väter-Kinder-Produktionen. Ja, ich habe die männlichen Gestalten beim Bau mit den Kindern gesehen. Die Mütter haben ja auch wirklich genug anderes zu bewältigen. Sie müssen mehr als andere durchhalten. Ganz schön anstrengend. Dabei kann man schon ermüden.

Josefiel – Engel der Heiterkeit

Mein Josefiel mit Schnee scheint auch mit dem anhaltenden gesellschaftlichen Brems-Zustand zu hadern. „Meine“ Frau scheint da taffer – auch ein Wort von früher, als man geil aud keinen Fall benutzte – sie sagt: „Das schaffen wir!“

Das schaffen wir!

Bei alledem habe ich gemütlich hinter meinem beeindruckend langen Schreibtisch gesessen und beim Übersetzen mehrere Schocks erlebt: Als da unmissverständlich aus dem Männermund: „kleine Schwester“ als Bezeichnung für das Gesprächsgegenüber mit einer offensichtlich vergangenen Liebesbeziehung auf dem Papier steht. Dann die Erlösung: sie ist nur die kleine Schwester seiner Partnerin, also die Schwägerin. Der nächste Schock: die Vermutung, dass er etwas mit dem Tod der großen Schwester zu tun hat. Wird das ein Krimi? Das erste Kapitel ist auf jeden Fall geschafft.

meine neue Frisur mit Haarteil von Budni

Es steht auf der website http://www.welt-ohne.geld.de „Eine Wildgans“ Diese Übersetzungstätigkeit begeistert mich immer mehr: ich sitze still auf einem Stuhl und gleichzeitig erobern meine Gedanken eine total andere Welt, die ich sehr lebhaft vor meinen inneren Augen sehe und nachempfinde. Toll! Übrigens bin ich unsicher geworden, was den Titel des Buches betrifft. „Wildgans“ stimmt auf jeden Fall, aber der Rest… Mal sehen, was meine chinesische Freundin Xiao Min dazu sagt.

Allen ein gutes Wochenende. Mit schönen Spaziergängen in sichereren Gefilden. Es hieß, wir kriegen ein Schneechaos wie 1978. Da war ich in London an der Royal Central School of Speech and Drama. Das Schneechaos fehlt in meiner nationalen Erinnerung. Übrigens genauso fehlt da die national gemeinsame Begeisterung für den Doris Dörries Film „Männer“. Da war ich ein Jahr in Paris. Alle Besucher aus Hamburg haben über ihn geredet. Auch noch nach meiner Rückkehr – wenigstens hin und wieder.