Weltfrauen-Tag aber: Gleichheit ist undenkbar! (1)

Entweder-oder ist eine Binsenweisheit. Seine Struktur als Denkmuster ist die Zentralperspektive.

Augenpunkt, Fluchtpunkt, Rahmen des Ausschnitts und alles ist bereit für den begeisterten Ausruf in der Renaissance „Was für eine süße Sache ist die Perspektive“.

Die Zentralperspektive erweckt den Eindruck, dass sich die in einem Bild dargestellten Objekte so verhalten, wie sie es in der Realität tun würden. Alle Linien, die in die Tiefe des Raums gehen, verlaufen zu einem Fluchtpunkt, der an der Horizontlinie liegt.

„Mit den Begriffen Humanismus und Renaissance beziehen wir uns auf jene künstlerisch-literarischen Perioden – in gewisser Weise überschneiden sie sich -, die dem 15. und 16. Jahrhundert zugeschrieben werden können. In dieser Epoche in Italien wie in anderen europäischen Ländern ist man Teil einer umfassenden Neubewertung des Menschen, der im Gegensatz zum mittelalterlichen Denken zum Eckpfeiler des Universums wird. Der Mensch tritt an die Stelle Gottes, weil er sein eigenes Schicksal konstruieren, Natur und Geschichte kontrollieren kann, ohne auf göttliche Fürsprache zurückgreifen zu müssen. “ (Übersetzt von mir. Zitiert aus https://www.studenti.it/umanesimo-e-rinascimento-riassunto.html)

ESSERE UMANO – wie im Originaltext – bedeutet  „männliches Wesen“. Wie in fast allen Sprachen werden Frauen unter dem Wort Mann zusammengefasst: homme, man, uomo usw. Das deutsche Wort Mensch stammt aus dem Jiddischen. Was für eine wohltuende Ausnahme! Mensch meint nicht Mann oder Frau, sondern beides.

Gott wird in den Himmel entlassen. Auch die Natur ist zu vernachlässigen. Frauen als Teil der Natur werden „natürlich“  unwesentlich.

Wo kann man am besten zeigen wie man sich die Welt vorstellen und denken soll? Auf der Bühne! Im Theater!

Kein anderer als Niccolò Macchiavelli schrieb das erste Stück für diese Theaterform.  Ein Stück, in dem eine tugendhafte Frau durch ihre korrupte Mutter und ihren korrupten Beichtvater schließlich dem Fluchtpunkt willig wird. Dem Mann. Dem Held der Verschwörung.  
Da die Zentralperspektive auch die Konstruktionsform der Kamera ist, werden wir auch heute in Film und Fernsehen kontinuierlich mit der Realität der Zentralperspektive bombardiert. In Form von entweder-oder. Der unsichtbare Fokus dahinter ist immer der Mann.   
Frauen wollen Männern gleichgestellt sein. Innerhalb des Gedankenmusters der Zentralperspektive kann dies jedoch nur bedeuten, dass Männer ihren Machtplatz verlieren.  
Warum liegt mir dieses Thema so am Herzen?  
Während meines Theaterstudiums in London an der Central School of Speech and Drama hatte ich eine Vision von einer ganz anderen Art von Theater.
Camden, Kentish Town, Patshull Road; während ich duschte, sah ich plötzlich über dem abfließenden Wasser eine rotierende Plattform, in die zwei kleine rotierende Plattformen eingelassen waren. Ich wusste sofort, dass alles eine Theaterbühne bedeuten sollte. Ich sah, dass auf der großen Bühne ein Problem aufgetreten war und plötzlich dieselben Schauspieler gleichzeitig auf jeder der beiden kleinen Drehbühnen auftraten und dasselbe Problem auf zwei verschiedene Arten lösten - simultan.  Ich war beeindruckt und glücklich. Die Idee des Simultantheaters war geboren. 

Die Lösung in gleichzeitigen alternativen Prozessen zeigt Kontrast als Dimension. Ein neues Denkmuster wird provoziert: SOWOHL ALS AUCH. Männer verlieren ihre Position nicht und Frauen gewinnen sie. Gleichheit wird denkbar!

David Hockney hat in den frühen Achtzigern das Dilemma der Zentralperspektive erkannt und in dem Stuhl im anders dargestellt. Der Stuhl wird nach hinten nicht schmaler wie in der Zentralperspektive. Hockney hat argumentiert, dass der Mensch klein sei und der menschliche Blick in die Schöpfung Gottes sich dann unendlich weite. Mann, Frau und Natur ist alles EINE Schöpfung Gottes.

Das hat mich damals so begeistert, dass ich ihm geschrieben habe mit der Bitte, seinen Stuhl als Demonstration zeigen zu dürfen. Ich habe mich in der Anfrage Elis genannt und wie man auf dem Foto sieht habe ich  auch eine Antwort erhalten. So schön ist es, ein junger Mann mit einer Idee zu sein. Elis, nicht Elisabeth! Dann habe ich ihm, wie gewünscht, mein Konzept zugesandt — und nie wieder etwas von ihm gehört. Ich hatte mit Elisabeth unterzeichnet. Als Mann hätte ich vermutlich wenigstens eine Absage bekommen. – Das Thema liegt mir am Herzen, weil ich eine Frau bin!

IN ENGLISH

World Women’s Day  but: equality is unimagenable! (1)

Either-or’ is a well known truism. Its structure as a thinking pattern is the Central Perspective.

Eye point,vanishing point, the frame of the cut-out and everything is ready for the enthusiastic exclamation in the Renaissance „What a sweet thing is the perspective“.

The central perspective creates the impression that the objects depicted in an image behave like they would in reality. All lines that go into the depth of the room run towards a vanishing point that lies on the horizon line.

“With the terms Humanism and Renaissance we refer to those artistic-literary periods – in a way they overlap – that can be attributed to the 15th and 16th centuries. In this epoch in Italy like in other European countries, one is part of a substantial reassessment of man who, in total contrast to medieval thinking, becomes the cornerstone of the universe. Man takes the place of God, namely because he can construct his own destiny, control nature and history without having to fall back on divine intercession.” (Translated by me. Quoted from https://www.studenti.it/umanesimo-e-rinascimento-riassunto.html)

ESSERE UMANO – as in the oiginal text – translates into “male being”. As in almost all languages, women are subsumed under the word man: homme, man, uomo etc. The German word Mensch comes from Yiddish. What a wonderful exception! Mensch is neither man nor woman, but both.    

God is released into heaven. Nature too is to be neglected. Women as part of Nature are ‘naturally’ out of focus.  

Where can you best show the way how to imagine and think? When performing! On stage! In the theatre!
None other than Niccolò Macchiavelli wrote the first play for this form of theatre. A play in which a virtuous woman, through her corrupt mother and her corrupt confessor, finally becomes willing to the vanishing-point. The man. The hero of the plot. 
Since the central perspective is also the construction form of the camera we are today continuously bombarded in films and television with the reality of the central perspective. In the form of either-or.  
Women want to be ​​equal to men. But within the thought pattern of the central perspective this can only mean for men to loose their place of power.  
 

Why is this argument so dear to me?

During my graduate theater studies in London at Central School of Speech and Drama I had a vision of a completely different kind of theatre.

Camden, Kentish Town, Patshull Road; I was taking a shower  and suddenly to my feet over the draining water I saw a rotating platform into which two small rotating platforms were incorporated. I knew immediately this ment a theatre stage.

I saw a problem had arisen on the big stage and the very same actors suddenly appeared at the same time on each of the two small revolving stages and solved the same problem in two different ways – simultaneously.

I was impressed and happy. The idea of ’Theater of Simultaneous Perception’ was born.   

The solution in alternative processes shows contrast as a  dimension. It provokes a new possible thinking pattern: As WELL AS. Men do not loose their position amd Women get it too. Equality is conceivable!  

David Hockney recognized the dilemma of the central perspective in the early eighties and depicted it in a chair in reverse perspective. The chair does not become smaller backwards which is the way of the central perspective. Hockney argued that man is small and that the human gaze into God’s creation in this way of representation expands indefinitely.

Man, woman and nature are all creations of God.  At that time I was so enthusiastic that I wrote to Hockney asking him to be allowed to show his chair as a demonstration of my Simultaneous Theatre. I called myself Elis and, as you can see in the photo I received an answer. It’s so nice to be a young man with an idea. Elis, not Elisabeth! Then, as requested, I sent him my concept – and never heard from him again. I had signed with Elisabeth. As a man, I would possibly at least have had a rejection. 

My being a woman makes the subject also dear to me!