Das Adjektiv disruptiv bedeutet „etwas Bestehendes auflösend oder zerstörend“.

Der Begriff wird vor allem im Zusammenhang mit Innovationen und Forschung verwendet. Eine „disruptive Technologie“ ist eine neu aufgekommene Technik, die eine alte obsolet* macht und damit völlig ablöst oder weitestgehend verdrängt. Beispielsweise hat das Auto die Kutsche verdrängt, das Smartphone hat andere Mobiltelefone sowie zahlreiche weitere elektronische Geräte abgelöst und die Digitalkamera hat die Fotofilmindustrie schwer getroffen.

*Als obsolet bezeichnet man im Deutschen Dinge,  Ideen, Anschauungen und ähnliches, wenn sie überholt und nicht mehr üblich sind. Obsolet ist also alles, was durch Neues ersetzt und damit überflüssig geworden ist. (zitiert http://www.neues wort.de)

So disruptiv die Quantenphysik für das Grundlagenverständnis der Wirklichkeit in der Physik, so disruptiv ist die Vorstellung des Simultantheaters für das, was wir assoziieren, wenn wir das Wort Theater hören.

Simultantheater: Dasselbe entwickelt sich gleichzeitig  in zwei Möglichkeiten. In der Folge der Vorstellungsfähigkeit jedes Einzelnen, was bis jetzt als Ver-zwei-flung hier als Kontrast der eigenen Möglichkeiten zu erfahren.

In de Quantenphysik vielleicht so:

Zwei Quantenphysiker an zwei unterschiedlichen Orten am Telefon. Beide bester Stimmung. Das ist nicht ihre erste Untersuchung eines Quants. Sie haben jeder ein – ihr – Ergebnis gehabt.

Physiker A: Jetzt gucken wir uns dieses winzige kleinste Teilchen unserer großen Wirklichkeit, das Quant, mal ganz genau an, mein Lieber! Es ist ein Teilchen, sage ich dir!

(A. denkt nicht nur, sondern hat bereits ein Ergebnis gehabt: die Beschaffenheit ist ein Teilchen.

Physiker B: Haha, das machen wir! Ich weiß bereits, dass es eine Welle ist.

(B. andere denkt nicht nur, sondern hat wiederholt das Ergebnis gehabt: die Beschaffenheit ist eine Welle.)

 A. + B.: Einer nur kann Recht haben!“ (Beide sind sich ihres Sieges sicher, denn entweder-oder. So war es immer schon.)  

Aber das Quant ist nicht an sich ein Ding, sondern – ÜBERRASCHUNG – durch die Erwartung des Untersuchenden nimmt es die Gestalt an, die der Untersuchende erwartet: für den Teilchen-Überzeugten wird es zum Teilchen, für den Welle-Überzeugten wird es zur Welle. Sowohl-als auch! A. findet, was er  gedacht hat, B. findet auch was er gedacht hat.

Das ist so unglaublich und unvorstellbar, dass bei allem Geschrei über Quantencomputer und ihre alles überragenden Eigenschaften und Möglichkeiten dieses Moment hinten runter fällt: Die Gedanken der Untersuchenden haben Wirklichkeit erzeugt.

Gedanken erzeugen die kleinsten Bausteine der Welt! Oder: Was wir erwartend denken, ist für unsere Wirklichkeit fundamental. Das ist disruptiv!

Dasselbe so und anders.

In diese neue Welt  als Vorstellung von Wirklichkeit gehört mein Simultantheater. Dieses Theater ist nicht in Bau, Bühne und Zuschauerraum größer und schöner und so weiter, sondern total anders.

Wie anders? Es gibt bisher kein Gebäude, das ein Simultantheater beherbergen könnte und es gibt auch keine Theaterstücke dafür. Bis auf die, die ich selbst – oder mit dem  Hamburger Richtertheater zusammen – geschrieben habe.

Das ist für mich das Kriterium: Die äußere Form und der in ihr dargestellte Inhalt entsprechen sich. Für das Fürstentheater aus der Renaissance, das bis heute in Bau und Inhalt als  Bürgertheater übernommen wurde, schrieb Niccoló Macchiavelli das erste Theaterstück. Die Aussage der bürgerlichen Theaterform ist das heimliche Versprechen der Individualität. Jeder Mann kann zum Fluchtpunkt, dem Fürst, werden. Jederman, was die Frauen mit einschließt, eher nicht: das geht nur in der Operette mit der lustigen Witwe.

Das Simultantheater muss ein Rundbau sein, in dem das Publikum im Kreis um die Bühne amphitheater-mäßig sitzt und auf das Bühnengeschehen hinunter sieht. Die runde Bühne dreht sich langsam in eine Richtung. Das bedeutet, die Schauspieler müssen nicht darauf achten, dass sie dem Publikum den Rücken zukehren. Sie spielen nicht aus einem Bilderrahmen. Wenn das Theaterstück einen Krisenpunkt, erscheinen auf zwei kleineren Drehbühnen, die in große Drehbühne eingebaut sind und sich in Gegenrichtung drehen, die Personen des Stückes in doppelter Ausführung. Die Praxis hat gezeigt, dass schon wenige Indizien (Kostüm + Maske) dem Publikum klarmachen, dass es sich um dieselbe Person handelt.

Anekdote

Die 10. Klassen Schüler meines Theaterkurses wollten irgendwann „endlich“ einmal in meiner neuen Theaterform ein Stück improvisieren. Ich hatte mich immer sehr zurückgehalten, wollte mit meinen Ideen nicht „nerven“. Entstanden ist dieses Stück, das vor den großen Ferien vor der Schulgemeinde ab 8. Klassen vorgeführt wurde. Natürlich noch in der einzigen Bühne, die wir hatten, aber eingeteilt in rechte Bühnenhälfte und linke Bühnenhälfte.

Wenn ich das jetzt beschreibe, kann ich die beiden Geschehen nur nacheinander berichten, aber vorstellen muss man es sich gleichzeitig – was den besonderen Witz und neue Gefühle produzierte.

Sowohl auf der rechten als auch auf der linken Hälfte der Bühne sieht man einen Vater, der vorbildlich die Feriengarderobe von Mutter und Kind in den Koffer faltet. Sie reden rechts und links dasselbe, was man so vor Ferienbeginn sagt: Mallorca, Hotel, Wetter.

Hinter den Zuschauern kommt zweimal dieselbe Sekretärin des Vaters im Trenchcoat – glücklicherweise gab es zwei im Fundus! – in Richtung Bühne und sagt auch rechts und links gleichzeitig Folgendes:

Sekretärin: Jetzt fährt der schon wieder mit seiner Frau in die Ferien! Jetzt reicht es mir. Heute fällt die Entscheidung!“

Sie kommt gleichzeitig auf der Bühne an, klingelt. Auf beiden Seiten öffnet die Frau mit dem neugierig interessierten Kind hinter ihr, das sofort auf beiden Seiten ruft:

Kind: Oh, Tante Monika, gehen wir wieder ein Eis essen?

Sekretärin (erregt schluchzend): Ich bin die Geliebte ihres Mannes. Seit 10 Jahren die Geliebte ihres Mannes!

(Da erscheint der Mann hinter dem Kind.)

Vater: Monika, was willst du denn hier?

Sekretärin: Jetzt ist Schluss mit dem Theater, Bernhard. Jedes Jahr versprichst…. (das Übliche)

Kind (begeistert); Tante Monika!

Mutter links: Was, du hast eine Geliebte?  Mutter rechts: Deine Sekretärin deine Geliebte!

Vater links: Was redest du da.             Vater rechts: Was redest du da?

Kind links Wir fahren in die Ferien.             Kind rechts: Wir fahren nach Mallorca!

Sekretärin: Entscheide dich jetzt.          Sekretärin rechts: Entscheide dich!

Vater: Zerstöre nicht mein Leben.         Vater: Zerstöre nicht mein Leben.

Mutter:  10 Jahre!                                   Mutter rechts: Moment mal. Du hast eine Geliebte!

Links beginnt die Mutter zu schluchzen, ihr Mann umarmt sie zärtlich. Da zieht Sekretärin einen Revolver aus der Trenchcoat-Tasche und erschießt erst den Vater, dann die Mutter, dann sich. Nach jedem Schuss ruft das Kind den Namen des zur Erde Fallenden: Papa!, Mama!, Tante Monika!

Rechts geht die Mutter nach hinten in den Raum, nimmt eine Handtasche, eine Jacke und einen Schlüssel und wendet sich freundlich an die verblüffte Sekretärin.

Mutter rechts: 10 Jahre schon. Da hätten sie wirklich früher kommen sollen. Das Kind kennen sie, hier sind die Autoschlüssel, gepackt ist fast. Meine Sachen im Koffer sind für Sie oder wen auch immer. Ich habe die Kreditkarte hier. Ich komme zurecht. Schöne Ferien!

Da sich das gleichzeitig abspielt, hört man hier auch das Kind rufen: Papa!, Tante Monika! Und lauter Mama, Mama.

Das Stück war ein rasanter Erfolg mit viel Gelächter.