‚Entweder-oder’ ist unsere Binsenwahrheit. Als vermessene Struktur hat dies die Zentralperspektive als Denk-Vorbild zementiert. Augenpunkt – Fluchtpunkt, ein Rahmen, der den Ausschnitt begrenzt und fertig ist alles für den begeisterten Ausruf aus der Renaissance „Was ist die Perspektive für ein süßes Ding“.

„Mithilfe der Zentralperspektive entsteht der Eindruck, als würden sich die dargestellten Objekte eines Bildes so verhalten, wie sie es auch unter Sehbedingungen in der Wirklichkeit tun würden. Dabei verlaufen sämtliche Linien, die in die Tiefe des Raumes gehen, auf einen Fluchtpunkt zu, der auf der Horizontlinie liegt.“ (zitiert aus Wikipedia unter dem Stichwort Zentralperspektive)

„Con i termini Umanesimo e Rinascimento indichiamo quei periodi artistico-letterari, in un certo senso sovrapponibili, ascrivibili ai secoli XV e XVI. In questa epoca, in Italia come negli altri paesi dell’Europa occidentale, si assiste ad una sostanziale rivalutazione dell’essere umano che, in totale contrasto con il pensiero medievale, viene considerato il cardine dell’Universo. L’uomo prende il posto di Dio, dunque, in quanto capace di costruire da sé il proprio destino, di dominare la natura e di storia senza dover ricorrere rendersi protagonista della all’intercessione divina. (zitiert aus https://www.studenti.it/umanesimo-e-rinascimento-riassunto.html)

„Mit den Begriffen Humanismus und Renaissance bezeichnen wir jene künstlerisch-literarischen Perioden – in gewisser Weise überlagern sie sich – die dem 15. und 16. Jahrhundert zuzuschreiben sind. In dieser Epoche ist man in Italien wie in anderen europäischen Ländern Teil einer substanziellen Neubewertung des Menschen, der, im totalen Kontrast zum mittelalterlichen Denken, zum Eckpfeiler des Universums wird. Der Mann  nimmt den Platz Gottes,  ein und zwar weil er sein Schicksal selbst konstruieren/bauen, die Natur und die Geschichte beherrschen kann ohne auf göttliche Fürsprache zurückfallen zu müssen.“ (übersetzt und von mir)

ESSERE UMANO = Mensch, aber UOMO = Mann. Wie in fast allen Sprachen wird Frau unter dem Wort Mann  subsumiert: homme, man, uomo etc. Das deutsche Wort Mensch, das aus dem Jiddischen kommt, ist eine wohltuende Ausnahme.  In der Vorstellungsform der Perspektive ist die Frau als Mensch nicht repräsentiert. Klarer Maskulismus. Nein, keine Not für einen –ismus, denn die andere Ausgabe des Menschen, die Frau, ist aus dem Vorstellen und Denken gelöscht.

Klar, das war eine große Freude: man glaubte und empfand die Wirklichkeit realistisch repräsentieren zu können und Gott wurde in den Himmel entlassen. man kam nun –Dankeschön! – ohne ihn zurecht. Man heißt tatsächlich der Mann. Denn die männliche Ausgabe des Menschen hatte gleichzeitig mit Gott auch Frau und Natur aus dem Fokus genommen.

Wie und wo kann man Vorstellen und Denken am besten zeigen?  Beim öffentlichen Darstellen und Erörtern auf der Bühne.

Kein Geringerer als Macchiavelli hat für die betörende Form der Zentralperspektive das erste Theaterstück geschrieben. Ein Stück, in dem eine tugendhafte Frau durch ihre korrumpierte Mutter und ihren korrumpierten Beichtvater schließlich dem Fluchtpunkt-Mann, dem Held des Plots, willig wird. Mutter und Priester sind die inhaltlichen Linien, die zum konstruierten inhaltlichen Fluchtpunkt führen.

Die Zentralperspektive wird die Konstruktion für bauliche und inhaltliche Form. Da die Zentralperspektive auch die Konstruktionsform der Kamera ist und alle bürgerlichen Bühnen weiterhin die zentralperspektivische Bühnenform des Fürsten haben, werden wir alle mit dieser Form, in der nur einer, der Mann, der Fluchtpunkt sein kann, ununterbrochen in Filmen und Fernsehen bombardiert. Bombardiert heißt: alle Denkvorgänge sind nur denkbar im Sinne von entweder-oder.

Folglich ist es kein Wunder, dass Gleichberechtigung nicht vorstellbar, nicht denkbar ist. Nur einer kann den Fluchtpunkt bedeuten. So kann die Vorstellung von Gleichberechtigung nur zur Vorstellung des totalen Verlust des Mannes, der alleinigen Männer-Macht sein. Diesen einzigen Punkt will die Frau nun einnehmen?!? Wir, die Männer, sollen nicht nur die zweite Reihe, sondern als Hauptwesen verschwinden?

Interessant, dass mit den Frauen die Natur ebenso zur Verfügungsmasse ohne eigene Rechte wurde. Das dramatische Ergebnis für Mutter Erde, unseren Planeten sehen wir täglich deutlicher.

Warum ist gerade mir dieser Sachverhalt so klar?

Weil ich während meines Graduierten-Theaterstudiums in London eine Vision von einer vollkommen anderen Theaterform hatte. Erst im Nachhinein habe ich langsam begriffen, wie grundsätzlich neu und anders war, was ich da rechts neben meinen Füßen gesehen hatte.

Das war damals so: Ich stand in Kentish Town/Camden in der Patshull Road unter der Dusche und habe plötzlich  über dem abfließenden Wasser eine Vision gehabt: eine Drehbühne habe ich gesehen, in die zwei kleine Drehbühnen eingearbeitet waren. Auf der großen Bühne war ein Problem aufgetreten und da waren diesselben Darsteller plötzlich zweimal anwesend und haben auf den kleinen Drehbühnen jeweils das eine Problem gleichzeitig in zwei ihrer Persönlichkeit entsprechenden Möglichkeiten weitergespielt, gelebt und gelöst. Ich war beeindruckt und beglückt und habe alles schnell aufgeschrieben. ‚Theatre of Simultaneous  Perception’ Theater der simultanen Wahrnehmung’ habe ich diese Theaterform in London genannt. In Deutschland dann Simultantheater.

Wieso dasselbe in doppelter Erscheinung in alternativen Lösungsverläufen als Faszination den Kontrast als erstrebenswerte Dimension vor Augen führt, ein SOWOHL-ALS AUCH als neue Vorstellungsdenkform provoziert, das werde ich in meinem nächsten Blog (2) schreiben.

In dieser Vorstellung wird Gleichberechtigung denkbar!

David Hockney hat in den frühen Achtzigern das Dilemma der Zentralperspektive erkannt und in dem Stuhl (aus dem Jardin de Luxembourg, ich habe in der Zeit ein Jahr in Paris gelebt) in umgekehrter Perspektive, also mit normalem Blick abgebildet. Er hat auch argumentiert, dass der Mensch klein sei und der menschliche Blick in die Schöpfung Gottes sich dann unendlich weite. Mann, Frau und Natur = alles eine Schöpfung Gottes.

Das hat mich damals so begeistert, dass ich ihm geschrieben habe mit der Bitte, seinen Stuhl als Demonstration zeigen zu dürfen Ich habe mich da Elis genannt und wie man auf dem Foto sieht, auch eine Antwort erhalten. So schön ist es, ein junger Mann mit einer enormen Idee zu sein. Elis, nicht Elisabeth! Dann habe ich ihm, wie gewünscht, mein Konzept zugesandt — und nie wieder etwas von ihm gehört. Ich hatte mit Elisabeth unterzeichnet. Eine Frau!!! Ach du liebe Zeit! Als Mann hätte ich bestimmt wenigstens eine Absage bekommen.

Neben dem Stuhl sieht man ein kleines Simultantheater Modell, das Philine mir während meines Jahres in Rom gebastelt hat.

P.S. Zufällig habe ich gestern, am Sonnabend, den 7.3.20 auf Phoenix den Dokumentarfilm „Insel der Frauen“ gesehen. Gleichberechtigung besteht in wenigen Ecken der Erde! (?) Sehr interessant wie männliche und weibliche Macht verteilt sind.