Stimmt, die Blätter sind gelb und fallen, unsere Dachterrasse ist ‚eingepackt‘ und im Supermarkt türmen sich die WeihnachtsAngebotsPaletten, aber der gewohnte kalte Hauch von kommendem Winter-hinter-dem-Ofen fehlt. Immer wieder sehe ich die Menschen mit aufgeknöpften Winterjacken durch die warme Mittagssonne eilen. Heute morgen lese ich in der „Elbvertiefung“ – tägliche online-newspaper von „DIE ZEIT“ – dass es nächste Woche Mittwoch eisigen Wind geben soll und merke, dass ich mich darüber freue. Geht es nur mir so?

Heute schreibe ich eigentlich nur, weil ich jede Woche schreiben will. Ich habe viel erlebt, aber nicht alles Erlebte finde ich blog-fähig. Es ist privat! In einem Buch könnte ich viele Einzelheiten des Erlebten in Episoden benutzen.

Dieser Blog läuft zum Thema: Geschichte einer privaten Buchveröffentlichung. Er war als Anregung und Gebrauchsanleitung für andere Erst-Schreiber gedacht. Geworden ist aus meinem Blog – für mich enorm befriedigend – die Veröffentlichung selber.

Ich könnte vieles in einem erzählerischen Zusammenhang verarbeiten. Beispielsweise eine Szene aus der Beerdigung des Schwiegervaters meiner Tochter. Das war ein beispielhaft schönes und sicher auch teures Erlebnis: die geschmückte total gefüllte Kapelle, die Überraschung der posthum durch den Bezirksbürgermeister verliehenen Ehrennadel für einen vom Verstorbenen gegründeten Verein für plötzlich  in große Not geratene Menschen. Das sonnige Wetter beim Gang zum Grab und dann der bemerkenswerte Augenblick, wo die Witwe beim Beileidsritual, fast am Schluss der Kondolenzbezeugungs-Reihe, von einem sie um zwei Köpfe überragenden jungen Mann umarmt wird und dieser in lautes Schluchzen minutenlang an ihrem Hals hängt, sich schließlich unter den verwunderten Blicken der Umstehenden zu fassen scheint und dann erneut auf ihre Schulter sinkt. Da beginnt meine Geschichten-Erzähler-Saite zu klingen und zu fabulieren: wer ist er, was verbindet ihn, welche Emotionen überträgt er auf diesen Moment, in dem er erlaubt und abgesegnet durch eine ganze Trauer-Gemeinde unerschöpflich öffentlich weinen darf. Welch ein Bild der Hingabe!

Beim Leichenschmaus für 50 Personen – Suppe, belegte Weißbrotscheibchen, Wein, Wasser, Beerdigungs-Butterkuchen und Kaffee – mache ich eine sanfte Nachfrage bei der Haupt-Trauernden. Sie macht große Augen beim erinnernden Zurücklehnen des Kopfes und weiß auf die Schnelle auch nicht mehr als das Erlebte.

Ein anderes Erlebnis ist der 60. Geburtstag einer sehr gutaussehenden, interessierten, interessanten und tüchtigen Freundin. 30 Gäste sind geladen, wir feiern in edlem Ambiente aushäusig. Sie sieht bezaubernd aus: groß, schlank, langes blondes Haar, schwarze Hose, schwarze Corsage, üppige leicht rosa Seidencrêpe-Stola. Alle Freunde sind tatsächlich lange Freund*innen, die längste 50 Jahre, seit der Grundschule. Ich gehöre mit meinen 15 Jahren zu den ‚jüngeren‘. Ich sitze bilderbuchmäßig angenehm: fast dem Geburtstagskind gegenüber, neben meinem entzückenden Tischherrn links – er war schon häufiger mein Tischpartner und gehört zu der jahrzehntelangen Doppelkopf-Runde des Geburtstagskindes.  Rechts bin ich ebenfalls verwöhnt, weil dort der französische Partner einer 30-Jahre-Freundschaft-Freundin des Geburtstagskindes sitzt und ich mit ihm französisch parlieren kann. Und mir gegenüber sitzt der spannende Ehemann der engsten Freundin, der geschäftsmäßig enorm erfolgreich ist, aber auch von jahrzehntelangen geschäftlichen Tiefen spannend berichten kann.

Ich esse ohne schlechtes Gewissen krosse Gans mit Knödeln und Rotkohl – Flexitarier heute – und genieße die Variationen des köstlichen Nachtischs. Wohin ich mich wende, ich bin so etwas von – salopp gesagt – ‚gut bedient‘. Als um 24 Uhr die Tische gerückt und getanzt wird, gehe allein und sehr zufrieden,  den Hofwegkanal entlang nach Hause. Mir begegnet kein einziger Mensch. Uhlenhorst schläft. Ich gehe zügigen Schrittes und wundere mich, dass ich überhaupt keine Angst habe. Dass sich das im Alter so zum Besseren entwickelt, das wundert mich. Mein Mann schläft schon, er liebt die überfüllten Smalltalk-Situationen nicht, wir erleben auch getrennt beglückt. Ich sinke zufrieden ins Bett – es ist schön, wenn da schon einer liegt und friedlich schläft. —- War das jetzt zu privat?

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