Abends wollen wir immer Bilder sehen. Geschichten miterleben, die in Bildern erzählt werden. In Bildern mit Menschen, die sprechen, die sagen, was sie fühlen. Wir mögen es Geschichten von Menschen miterleben, die Probleme lösen müssen. Mit Musik, die von echten Instrumenten gespielt wird – und nicht von Computern mit übersteuerten Bässen. Mit Musik, die ich kaum merke, weil sie so sehr dem Erzählten entspricht und lediglich im Hintergrund klingt. Musik, die dem gesprochenen Wort immer den Vortritt lässt. Alles gern in Farbe, mit szenischen Bildern, in denen meine Augen spazieren gehen können, weil es so viel Unterschiedliches zu entdecken gibt.

Mit diesen Wünschen landen wir/ lande ich fast allabendlich NICHT bei deutschen Produktionen. Leider! Wir versuche es immer wieder. Rainer hätte mehr Geduld und hat überhaupt mehr Toleranz schwachen Produktionen gegenüber. Mich hält es nicht: wenn ich nicht genug genährt werde, das Bühnenbild über die notwendigen Requisiten hinaus – oft nur Schreibtisch, langweiliges Büro und lediglich die Darsteller – erleben kann. Die „Rosenheim Cops“ sehe ich gern, „Wilsberg“ oft.

Aber meistens gehen wir auf unsere aufgezeichneten Aufnahmen und sehen – oft zum wiederholten Mal – „Barneby“, „Lewis“, „Inspektor Morse“, „Pater Brown“, „Poirot“, „Vera – ein besonderer Fall“ – alles englische Produktionen. Diese Serien haben – für meinen Geschmack – schöne Musik, Bilder von Landschaften, Ortschaften, Häusern, Festen, in denen ich immer wieder spazieren gehen und etwas entdecken kann. Poirot spielt in den zwanziger Jahren und zeigt diese Epoche in wunderschönen Kleidern und Ausstattung. Pater Browns Welt ist auch eine aus dem vorigen Jahrhundert und hat interessant anzusehende Kleider und Situationen.

Die augenblickliche Wirklichkeit erlebe ich sowieso schon täglich, darum liebe ich die Ausflüge in die Vergangenheit. Die einzelnen Bilder englischer Produktionen sind so abwechslungsreich, dass ich das Gefühl habe: die deutschen Produktionen sind lediglich schwarz-weiß, die englischen dagegen in Farbe.

„Kannst du dir erklären, warum die englischen Produktionen soviel gehaltvoller sind?“ JA, ich kann es mir ein wenig erklären. Die englischen Drehbuchautoren werden profunder ausgebildet und geachtet, die Kostümbildner ebenso und die Schauspielausbildung beginnt für alle Engländer schon in der Schule. Viele Stars bekennen, dass sie ihre Bestimmung in der Schule beim Theaterunterricht entdeckt haben. Die Dramalehrer werden in England gründlich und liebevoll ausgebildet.

Und wenn man in England ins Theater geht, dann merkt man, dass nicht wilde Willkür eines Regisseurs herrscht – beispielsweise und übertrieben gesagt – Desdemona einfach mal über eine Wäscheleine gelegt und einem nackten Mann ein Blecheimer zu seinem dringenden Geschäft geliefert wird, das er blutüberströmt schreiend erledigt – sondern der Sinn findet eine feinere Interpretation, gesehen aus der Perspektive ewiger menschlicher Werte, die auch erkennbar bleiben.

Neulich war im deutschen Fernsehen ein Aufschrei der deutschen Drehbuchschreiber darüber, dass jeder Regisseur sich an einer Vorlage bedienen darf und seine ursprüngliche gedankliche Leistung gar nicht gewürdigt wird. Mit dem Drehbuch beginnt alles! Auch diese Ausbildung zum kreativen Schreiben ist in England zu Hause.

Bin ich einfach anglophil oder ist mein Eindruck sachlich begründet. Ja, ich habe alles in allem – meine aupair-Mädchen-Zeit in Beckenham/Croyden, mein Praktikum für meine Soziologie Examensarbeit am Cassel Hospital in Richmond und meine Ausbildung an der „Royal Central School of Speech and Drama“ in London – dreieinhalb Jahre in England gelebt. „Das hat dich geformt“, sagt Rainer.