Die aktuelle politische Situation hat mir keine Ruhe gelassen. Was habe ich im Politikunterricht immer gepredigt? Wer in der Demokratie Einfluss nehmen möchte, muss die kleinsten Wirkungs-Einheiten aufsuchen: die Parteien auf der Bezirksebene. Bei meiner Begeisterung für die Transition Town Bewegung, den öffentlichen Personenverkehr, eine Stadt mit Parks und für Fahrräder fällt meine Wahl auf DIE GRÜNEN. In diesem Jahr ist Bundestagswahl und ich will nicht am Wahltag vor dem Fernseher sitzen und entsetzt hohe Gewinne von populistischen Parteien aufgrund niedriger Wahlbeteiligung sehen. Dagegen will ich aktiv werden. Vor allen Dingen habe ich die Befürchtung, dass wir Alten nicht zahlreich genug zur Wahlurne schreiten könnten.
Das Parteibüro meines Bezirkes habe ich schnell gegoogelt. Eine öffentliche Vorstandssitzung mit Besuch von Anjes Tjarks ist im Partei-Büro in Winterhude angekündigt, in einer netten Straße mit vielen internationalen Restaurants. Rainer hat in seinem Leben schon so viel Politik gemacht. Er ist erschöpft davon, will mich aber begleiten. Ich will ihn vorher zum Essen ausführen und gehe vormittags die Örtlichkeiten auskundschaften, um zu wissen, wo das Büro liegt und welcher Grieche, Italiener, Portugiese, Iraner, Spanier in der Nähe ein ansprechendes Restaurant betreibt. Es ist alles leicht zu finden.

Das GRÜNEN-Büro ist warm und hell erleuchtet, eine freundliche Mitarbeiterin begrüßt mich einladend – diese Übersetzung gibt Leo dem Wort »welcoming,« das ich passender gefunden hätte. Ich erbitte das Parteiprogramm, das ich von einem weiteren lächelnden Mitarbeiter für die unterschiedlichen Arbeitsebenen der GRÜNEN ausgehändigt bekomme. Muss ich uns für die Sitzung am Montag anmelden? Nein, einfach kommen.

Gestern waren wir dort. Ein riesiger Tisch, GRÜNE Parteimitglieder sitzen schon dort. Sie begrüßen uns herzlich. Schließlich sind wir 21 Personen. Sehr junge, mittelalte, einige ältere Personen und ich als älteste hören interessiert die Ausführungen von Anjes Tjarks. Spannend! Man hatte in Hamburg Fokusgruppen gebildet: in Fußgängerzonen haben einige GRÜNE die Passanten befragt, ob sie grundsätzlich »GRÜNE« wählen könnten. Menschen, die dies positiv beantwortet haben, durften ohne inhaltliche Vorgaben im freien Gespräch ihre Vorstellungen der politischen Zukunft entwickeln. Der Katalog dieser Ergebnisse wurde für das Parteiprogramm mitbedacht.

Die Gesprächsleitung des Abends ist ausgezeichnet. Fragen sammeln, beantworten, auf die inhaltliche Arbeit in Gruppen wird hingewiesen. Die Stimmung ist durchgehend von verantwortungsbewusstem Interesse getragen und gleichzeitig hell und heiter. Es hat mir so sehr gefallen, dass ich Lust bekomme, bei den GRÜNEN als Mitglied aktiv zu werden. Natürlich immer im Rahmen meiner anderen Lebenstätigkeiten. Aber, wie gesagt, in diesem Jahr ist Bundestagswahl, da müssen sich viele tatkräftig für unsere wunderbare Demokratie einsetzen. Übrigens haben Rainer und ich vorher im Lokal »MEM« gegessen. Es war ausgezeichnet. Ringsherum sind noch weitere verlockende Restaurants, die wir ausprobieren werden.
Ich hatte ein ideelles Mitbringsel für die GRÜNEN mitgebracht. Eine Idee für ein Wahlkampfgeschenk: ein kleiner Karabinerhaken mit einem abnehmbaren Chip für den Einkaufswagen. Das hatte ich 2015 bei meinem Aufenthalt in Wien als Werbegeschenk auf der Straße erhalten und seitdem dankbarst gebraucht.

8.Februar 2017
Heute hat mein Ex-Mann Geburtstag. Er müsste 77 werden, weil er ein Jahr jünger war/ist als ich. Oder älter? Das finde ich auch so schön am Altsein, dass Dinge, die einem früher auf der Haut brannten, total ins Unwichtige gerutscht sind. Er war lange ein netter Ehemann für mich. Dennoch hat sich unser beider Leben durch sein Verlieben in meine Freundin letztlich verbessert. Zu dem Zeitpunkt des Geschehens fand ich das nicht. Aber ich habe diesen Verzweiflungsmoment zum Entwicklungsschub gemacht. Ich hätte sonst nicht so viele Sprachen gelernt und jeweils ein Jahr in den entsprechenden Ländern gelebt. Kein Wunder, dass ich so überzeugt davon bin, dass jedes Schlechte seine Portion Gutes hinter sich verbirgt. (Wer mehr dazu imöchte: m 2. Buch meiner Trilogie: »anders denken, Ur – teilen heilen«)
Morgens 7 Uhr. Ich lüfte und richte die Betten her, Rainer macht unser Frühstück: Vollkorn- oder Knäckebrot mit Marmelade, die er im Sommer selbst gekocht hat. Ich habe es gut! Ich lese die »Elbvertiefung« vor, den täglichen Newsletter für »ZEIT«-Abonnenten. Launig geschrieben fühlt der sich erstaunlich persönlich an. Heute war ein Vorschlag zu einer Demonstration zum G 20 zu lesen:
»Apropos Trump: Mehrere von Ihnen hat die Frage beschäftigt,
wie man anlässlich des G20-Gipfels angemessen gegen ihn demonstrieren solle. Dazu erreichte uns folgende Mail:
»Als middle-aged-Hamburger mit entsprechender Vergangenheit haben wir über mögliche zivilisierte Formen der Dokumentation der Missbilligung gesprochen und dabei die Idee eines Spazierganges um die Alster gegen den Uhrzeigersinn von Beginn bis Ende des Gipfels entwickelt. Keine Transparente, keine skandierenden Parolen. Nur: Alle gehen oder laufen an diesen Tagen ausschließlich links um die Alster – Stichwort: ›dagegen angehen.‹« Leider habe man, so der Verfasser, »keine Idee, wie und über wen wir diese Idee konkretisieren könnten.
Diese Idee gefällt mir. Ich werde sie über Facebook verbreiten. Ich bin sicher, dass sich der Weg um die Alster ohne Unterlass füllen würde.

Ich erfahre in der »Elbvertiefung« auch, dass Andreas und Karin Kirsch in Bergedorf, Brookdeich 288, Tel. 040 72 97 70 51 einen Ort mit zwei geduldigen Eseln halten, mit denen man spazieren gehen kann. Für mehr Information siehe https://www.klangohren.de/ Das dritte Buch meiner Trilogie »anders denken: von allem weniger und von Liebe mehr – eine Welt ohne Geld« endet mit einer Eselwanderung. Dafür habe ich über Esel gelesen und war entzückt von den besonnen Tieren. Nix störrisch! Vor-sichtig! Ich kann mir gut vorstellen, wie Körper, Geist und Seele diese Tiere als wunderbare Wohltat empfinden können. So ein Spaziergang kommt auf meine Wunschliste.

Gestern 8700 Schritte auf dem Schrittzähler. Aufnahme-Antrag vom Bezirksbüro der GRÜNEN erhalten und ausgefüllt wieder abgeschickt. Ein Interview mit André Heller in der neuen DONNA (3/2017) gelesen und mich über Sätze gefreut, die meiner Überzeugung entsprechen. Er wird im März 70, seine Mutter ist 103 Jahre alt. Für ihn ist das Leben Erfahrung und Entwicklung. Er geht durch seinen Tod dahin zurück, woher er gekommen ist. Für ihn gibt es ein Leben nach dem Tod ganz sicher, denn seit seinem 7. Lebensjahr hat er Heimweh dahin zu gehen, woher er gekommen ist. Dass es da schöner ist als hier, das ist für ihn klar.
Ich habe einmal gelesen, dass wir nicht wissen sollen, wie schön es hinter dem Schleier ist, denn dann würden wir uns bei jeder Kleinigkeit das Leben nehmen wollen, um schnell wieder «nach Hause« zu kommen.

Heute Sauna mit Schwimmen und zwischendurch per audible Maeve Binchys »Light a Penny Candle« (in Deutsch: »Irische Freundschaften«) zu Ende hören. Abends Mah Jong. Kurz Niederländisch und Chinesisch und auf der Ukulele zupfen üben. – Ich könnte auch Fenster und Bad putzen, aber wer will Putzen? Das will ich so wenig wie Abnehmen. Diese beiden Frauenplagen stehen gedanklich auf meiner Soll-Liste weit unten.
»Aber weil du lau bist, spucke ich dich aus.« Als Küsters-Tochter habe ich nicht nur Kirchenbänke staubgewischt, sondern oft sonntags im Gottesdienst gesessen. Ein Bibelwort hat mich schon beim ersten Hören fasziniert: »Aber weil du lau bist, spucke ich dich aus.« Wow! Meinen Kaffee und meine Suppe wünsche ich mir knall-heiß, der Knust vom Brot ist mir ein willkommener Widerstand, ich mag alles Schwierige und freue mich über jede Überwindung. Aber als ich in Shanghai in der leeren Schule allein in meiner schlichten Wohnung auf dem Bett saß, nicht wusste, was auf mich zukommt, zu Hause aber einen lieben Mann, eine tolle Wohnung, ein wunderschönes, eingespieltes Leben hatte, da habe ich gemerkt, was für einen Widerstand ich mir da hinorganisiert hatte. Im Rückblick habe ich für dieses Jahr in Shanghai Hochachtung: Ich war nicht lau…