diesem Vorgang sehe also ich am Sonntag interessiert zu. Das Buch ist ein ebook, der Markt das Internet. Den Seminarinhalt hätte ich auch als ebook bei Amazon herunterladen können – Wolfgang Tischer: Eigene E-books erstellen und verkaufen -, aber ich bin fünfeinhalb Stunden mit dem Zug von Hamburg nach Stuttgart gefahren (2. Klasse-179 €) , habe eine Nacht für 129 € in einem Hotel (3 Sterne) im Stadtzentrum verbracht und bin fünfeinhalb Stunden wieder zurück gefahren. Sonnabend um 8.30 bin ich losgefahren und am Sonntag um 23 Uhr war ich wieder zu Hause. Und ich habe eine Welt erlebt.

Rainer bucht mir meist die Bahnfahrten 1.Klasse, für diesen Wochenendausflug konnte ich kein Hotel finden – weil in Stuttgart die ‚Stuttgarter Wasen‘, Deutschlands zweitgrößtes Volksfest stattfand – und so habe ich über das entzückende Reisebüro am Poelchaukamp in Winterhude gebucht. Die 1.Klasse fand sie ganz unnötig. Die Sitze im ICE seien genauso gut in der 2. Klasse. Wie Recht sie hatte! Ich sitze am Vierertisch. Rechts neben mir ein Geschäftsmann aus Malaysia. Wir unterhalten uns auf Englisch. Er hat Erfurth besucht und damit die Stadt seiner Träume gefunden. Gegenüber sitzt sein Kollege. Frage. Welche Sprachen ich noch spreche? Chinesisch? Das spricht sein Gegenüber auch. Wir unterhalten uns etwas. Er hat leider einen Akzent, sein Sch wird immer zum S. Das kenne ich aus Shanghai. Mir direkt gegenüber sitzt ganz in Schwarz und Weiß eine bildschöne Zweiundzwanzigjährige, die glücklich strahlt. Sie hat gestern, nach nur einer Bewerbung, eine Einladung zum Gespräch und nach wenigen Stunden eine Zusage für ihren Traumjob bekommen. Und das gleich zum 1. Oktober. Heiter komme ich in meinem Hotel an: der Fernseher funktioniert nicht, sonst ist alles ok. In Stuttgarts Sonnenschein schlendere ich herum, suche meinen Seminarort vom nächsten Tag und gehe nach dem Finden desselben den kürzesten Weg zum Hotel, den ich am nächsten Morgen mit Rucksack nehmen will.

Das Schriftstellerhaus liegt in der Kanalstraße 4 und ist klitzeklein – was besonders ins Auge fällt durch das riesige Hochhaus 5 Meter daneben. Skurril! Im schmalen Raum stehen 2 Stuhlreihen hintereinander, daneben die kleine Küche mit dem Wasser für alle und einer Toilette . Die Tür zum Eingangsflur -„flürchen!“ – bleibt geöffnet, weil Herr Tischer seine Folien an die Wand beamt. Feste Unterlage für Notizen, keine Laptop, das war per email angesagt. Ja, ich habe auch Notizen gemacht, aber in erster Linie habe ich zugesehen und zugehört. Was weiß ich nun mehr?

Ich schreibe diesen Beitrag in Etappen. Heute ist schon Mittwoch. So lange habe ich gebraucht, um herauszufinden, was ich nun mehr weiß. Also: meine Erkenntnis ist eher eine neuerworbene Bereitschaft, mich mit der professionellen Produktion von Texten am Computer zu befassen. Praktisch gesprochen habe ich den Raum zum Lernen durch die Stunden von 10-17 Uhr bei und mit Wolfgang Tischer geschaffen. Ich bin jetzt sogar bereit, mich mit dem Schreibprogramm Papyrus zu beschäftigen. Ist das die Reise wert gewesen? Auf jeden Fall, denn mein Wunsch, ohne finanzielle Belastung weiter zu publizieren, ist nur auf diese Weise und vermutlich nur mit Amazon möglich. Nur Amazon hat die technischen Voraussetzungen und die Verkaufskonditionen, die für normale Menschen das Schreiben und Lesersuchen- und finden möglich und sogar attraktiv macht.

Anekdote zum Verlauf. Das Schriftstellerhaus vergibt immer Stipendien für Autoren. Ganz offensichtlich gastiert augenblicklich dort ein weiblicher Autorengeist: wohl acht Male schreitet eine weißblondes junges natürlich-hübsch gestyltes Wesen gruß- und ausdruckslos an Herrn Tischer vorbei. Einmal versucht er lächelnd eine zarte Grußgeste, aber sie stapft wirklichkeitsverachtend an und durch unsere Reihe in die Küche, an deren Ende die und vermutlich auch ihre einzige Toilette liegt, dann schwebt sie lautlos zurück durch unsere Reihen in den schmalen kleinen Flur – hinaus aus dem Haus. Nach 30 Minuten kommt sie in gleicher – uns verachtend-übersehenden Weise zurück. Viermal wiederholt sich das. Vermutlich haben wir ihre Pausenabstände zwischen Schreibproduktionen mitbekommen und ihre beherrschte Wut, dass da 6 Männer und 8 Frauen sitzen, die ihre notwendige Einsamkeit stören. Merkwürdig – im wahrsten Sinne des Wortes.