Der dreiwöchige Intensivkurs an der Uni Hamburg

ist ein ganz besonderes Kleinod des Chinesisch Lernens. Die Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland. Es sind Sinologie-Studenten, die Chinesisch nacharbeiten wollen, ernsthaft Chinesisch-Lernende wie ich, aber auch Geschäftsleute, die mit China Handel treiben wollen. Das wirklich einmalig Besondere ist unsere Lehrerin Dr. Ruth Cremerius. Sie ist perfekt vorbereitet, ermuntert ohne Unterlass und strömt eine Strenge aus, ohne die man Chinesisch vermutlich gar nicht lernen könnte. Ihre schmale Gestalt, die schon früh leicht ergrauten Haare, die keinen Moment nachlassende Konzentration werden für mich auf ewig mit dem Erlernen der chinesischen Sprache verbunden bleiben. Ich kann sie mir beispielsweise nicht in einem geblümten Sommerkleid mit weitschwingendem Rock auf einer Hollywoodschaukel vorstellen. Das passte nicht. Sie schont sich nicht, erwartet das allerdings auch von ihren Studenten – wie sehr, das erfahre ich erst später im Studium.

Im Intensivkurs geht es intensiv ans Lernen. In heiterer Aufmerksamkeit hat Frau Cremerius ihre lernbegierigen Schüler liebevoll im Blick. Allerdings sagt ein junger Geschäftsmann, der noch schnell vor dem Auftritt seiner Maschinenbaufirma auf einer Messe in Shanghai etwas Chinesisch lernen will, nach der ersten Woche mit grünlich-blassem Gesicht erschöpft und leise zu mir, seiner Tisch-Nachbarin: „Meine Festplatte ist durchgeknallt.“ Ich kann ihn verstehen. Ohne das gemächliche Tempo fürs allgemeine Volk zuvor in meinen drei Semestern Volkshochschule, meinen 14 Tagen in China und die verführerische Vorstellung im Herbst für ein Jahr nach Peking zu gehen, wäre ich nicht so optimal disponiert gewesen, mich dem Chinesisch im intensiven Press-Verfahren mit Leib und Seele auszuliefern und aktiv mit anzutreiben.

Wir lernen aus dem Chinesisch Lehrbuch, dass Frau Cremerius selbst geschrieben hat. Hier im Intensivkurs lerne ich mit diesem Buch in der Ausgabe der chinesischen KURZSCHRIFT. Später, während des zu diesem Zeitpunkt noch ungeplanten 2. Semesters dann, aus eben diesem Lehrbuch in der Ausgabe mit chinesischen LANGZEICHEN. In den vier ersten Semestern des Sinologie Studiums liegt der Schwerpunkt auf dem Erlernen der chinesischen Sprache, aber im weiteren Verlauf steht natürlich auch das Klassische Chinesisch auf dem Curriculum. Ohne das Erlernen der Langzeichen wäre das Lesen und Übersetzen alter Gesänge aus den Dynastien der tiefen chinesischen Vergangenheit (5000 Jahre?) nicht möglich. Ja, es bedarf dann noch vieler zusätzlicher Hilfsmittel, um die alten Zeichen in ihrer Bedeutung zu verstehen. Dass ich mich mit all dem in naher Zukunft auseinandersetzen, in diese Tiefen der Geschichte eintauchen werde, das ahne ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Fröhlich fliegen Emails zwischen dem freundlichen Manager aus Singapur eines der vielen Holiday Inn Hotels in Peking und mir hin und her. Ich weiß bereits, wo in Peking im Hotel der Kopierer im Keller steht, kenne die Räume für meinen Unterricht, weiß, dass ein Apartment für mich reserviert ist und dass ich die Wellness-Einrichtungen mit Sauna, Schwimmbad und Massage benutzen darf. Auch meine Forderung nach täglich einer warmen Mahlzeit im Restaurant, die ich auslassen und nach meinem Dafürhalten gesammelt bei einer Mahlzeit gemeinsam mit einer entsprechenden Anzahl von Freunden teilen darf, ist akzeptiert worden. Einigen müssen wir uns noch um die Arbeitsstunden. Es werden immer mehr Stunden von mir gefordert. Wie es aussieht, bin ich den ganzen Tag beschäftigt.

Mein Intensivkurs geht in die dritte Woche. Frau Cremerius erkundigt sich immer wieder freundlich nach der Entwicklung meiner Peking-Verpflichtung. Das Lernen ist anstrengend, aber wir haben genug Pausen. Dann sagt Frau Cremerius meinen Lieblingssatz: „Lasst uns eine Pause machen./Machen Sie eine Pause./Ruhen wir uns aus.“ Das sieht in Chinesisch so aus:

休息 休息 xiu1 xi1xiu xi Das X mit heftig stimmhaften S sprechen und dann den deutschen Lauten entsprechend.

Welche Bilder benutzen diese Zeichen? Xiu setzt sich zusammen aus ’Mensch’ und ’Baum’ und das Xi oben aus ’selbst’ und darunter ’Herz’. Passt das nicht wunderbar zum Sinn des Ausruhens: sich selbst mit ganzem Herzen als Mensch an einen Baum lehnen, das ist das chinesische Bild für Ruhe einnehmen. I love it! Das ist das Unterhaltsame und Ergötzliche am Chinesisch: man bekommt ohne Ende sinnvolle Bilder serviert. Das liebe ich! Das Wort „Verstehen“ hat beispielsweise drei Zeichen, die alle Licht und Helligkeit bedeuten: Sonne+Mond und weiß ming2 bai2明白 Wenn man im chinesischen dahinter noch ein ’le’ spricht, dann hat man ’verstehen’ in der Vergangenheit gesagt: „Ich habe verstanden!“ Und das kann auch jemand ohne Chinesisch-Kenntnisse zur Freude seines chinesischen Gegenübers an der richtigen Stelle anbringen.

Drei weitere Sätze könnte man jetzt schon kennen:

Ich habe Hunger. 我饿。Wo3 e4 (öe)

Machen wir doch eine Pause. 休息休息。Xiu1xi1 xiuxi

Ich habe (es) verstanden. 明2白2了(stimmlos)。Mingbai le. Hier dürften Sie auch noch ’wo – ich’ davorsetzen, aber wenn Sie es aussprechen, weiß jeder, um welche Person es sich handelt.

Die Pausen sind das Schönste im Asien-Afrika-Institut der Uni Hamburg. Warum? Beim Hereinkommen erblickt man unten rechts den Eingang zur Cafeteria. Zur ersten Pause um 10 Uhr strömt der Duft von frischgebackenen Franzbrötchen – in Hamburg-Altona für die französische Besatzung erfundenem Zimtgebäck – durch die Riesenhalle. Wer kann da widerstehen. Ich nicht.

Wenn wir nachmittags müde sind, machen wir Spiele mit der chinesischen Assistent-Lehrerin Dong-Dong. Alle raten, was sich eine/r ausgedacht und auf einem Zettel notiert hat. Auf Chinesisch stellt nun jeder eine Frage, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden darf.   Zu raten sind Dinge, Personen und Ereignisse. Schwierig war beispielsweise die Beerdigung von Lady Di zu erfragen. Wir haben es geschafft! Sogar kleine Theaterszenen konnten wir auf Chinesisch spielen. Die drei intensiven Unterrichtswochen haben gute Resultate erzielt.

Zum Ende der zweiten Kurs-Woche bekomme ich eine Mail von meinem Singpurer Manager aus Peking. Ich soll bitte eine Erklärung schreiben, warum ich, eine Deutsche und ohne Gehaltswünsche, in Peking Englisch unterrichten will. Ich muss diese Erklärung schnell verfassen, denn die beschlussfassende Sitzung ist am nächsten Tag. Sorgfältig und china-partei-freundlich verfasse ich einen Text über meine Motivation. Am Montag kommt die Antwort. Es wird nichts draus! Man möchte mich in Peking nicht. Mein Manager und ich versichern uns in weiteren Mails unserer lebhaften Frustration. Ach, es hätte so nett werden können. Er hatte mich bereits für die höheren Angestellten aller Holiday Inns verplant – 240 soll es in Peking geben, meine ich mich zu erinnern. Mit guten Wünschen für die Zukunft verabschieden wir uns. Ich ahne bald, dass die Entscheidung der Partei ein Segen für mich ist. Viel später, mit erheblich mehr Chinesisch-Kenntnissen, bin ich dankbar dafür.

Im Intensivkurs berichte ich meine Enttäuschung. Mein Vorhaben war eine verführerische Illusion. Das Gute an ihr war, dass sie mich mit Macht näher zur chinesischen Sprache geführt hat.

Am letzten Tag des Intensivkurses sitzen wir im Kreis und bekommen großes Lob von unserer Chinesisch-Lehrerin Ruth Cremerius und da sie sehr streng war, ist die befriedigende Freude besonders groß. Außerdem empfiehlt sie individuell jedem Teilnehmer, auf welche Weise er seine Chinesisch-Studien am besten fortsetzen könnte. Mir sagt sie, dass sie vernommen habe, ich sei zum Chinesisch Studium bereit. Ja, ich könne ins zweite Semester einsteigen. Den Lernstoff des ersten Semesters hätte ich in diesem Intensivkurs bereits bewältigt. Allerdings müsse ich mich in den Wochen bis zum Semesteranfang darum bemühen, das Lehrbuch mit den Langzeichen bis zu genau der Lektion zu beherrschen, die wir im Kurs in Kurzzeichen durchgenommen hätten. Außerdem gelte für mich ausnahmslos das volle Programm aller Studenten. Alle Hausaufgaben, Tests, alle Seminare, alle Verpflichtungen für die Studenten seien auch meine Aufgaben. Ich könnte ihr um den Hals fallen, so beglückt bin ich. Aber Frau Cremerius fällt man nicht um den Hals, man lernt noch eine Stunde länger.

In den Wochen bis zum Semesterbeginn beschreibe ich viele Karteikarten mit Kurzzeichen und ergänze sie mit Langzeichen. Die Langzeichen sind komplex und teilweise noch erkenntliche Abstraktionen ihrer Bedeutung – also echte Piktogramme: das Bild transportiert die Bedeutung.

Summery: Now I have to learn Chinese. Good job there is the Asian-Africa-Institut at Hamburg University and luckily next week an especially splendid Chinese crash course will start. Splendid because the teacher, Ruth Cremerius, is exceptional. Strict, demanding, attentive and resourceful in her teaching she pushes us forward. Chinese is one of the most difficult languages of the world.

A young businessman from the south of Germany wants to grasp a couple of sentences to apply the next month on a fair in Shanghai, where he plans to start a joint venture. He sits next to me. At the beginning of the second week his face looks pale his eyes forlorn and he states into my direction:“My hard disk has cracked!“

I see China in my thoughts and correspond with my Holiday Inn Manager. Everything seems neatly planned: I know where my classroom will be, where to copy in the cellar, etc. Then a mail arrives: the owner (government) cannot understand why a German teacher wants to teach Englisch in China without claiming a salary. Could they please get a statement? I give one. It is not good enough. Going to China is off. At this moment I am sad – later I realize it is a blessing. Now I study properly Chinese.

总结: 回家了我马上就开设学习中文。怎么样?在汉堡大学 Ruth Cremerius 是速成班的老师。他会教。她严厉, 用心,小心和亲切地教我课。 每天都很多小时。中文字很漂和很好看但是很复杂。我们学习那么多第二星期一位从南德国来的年轻老板旁边我告诉我:“我的硬盘疯狂了!“ 我写和收到佛朗。有一天我得到 宾馆经理的 请求的说明为什么我当德国人想来中国教英文和没有问一个工资。我写一个我觉得很好的说明。但是他们不要我。幸亏!他们有道理!现在我可以学习中文。我总是学习。每天都。