Wenn man den ersten Strich in ein Kästchen ziehen, malen schreiben will, dann merkt man plötzlich, dass Strichanfang und Strichende nicht selbstverständlich sind. In der Vorlage erkennt man durch das wiederholte Hinsehen auf das Zeichen, das man kopieren soll und will, dass ein einfacher Strich im chinesischen Zeichen ein abwechslungsreiches Leben hat. Seine Geburtsstätte ist ja auch ein Pinselstrich. Wie dieser Pinselstrich durch den auf ihn ausgeübten Druck beginnt und am Ende das Blatt wieder das Blatt verlässt erkennt man von Zeichen zu Zeichen mehr und mehr. In den Alphabet-Schriften beginnt man zu schreiben und zieht die Buchstaben weiter und weiter mit Kreide, Bleistift, Füller. Der Schriftfaden scheint gleichmäßig breit zu bleiben. In der lateinischen Druckschrift sehen im Idealfall einzelne Buchstabe in Dicke und Breite vollkommen gleichmäßig aus.

Bei den chinesischen Schriftzeichen muss ich nach dem ersten Strich das richtige Verhältnis – Abstand, Neigung, Länge – des zweiten Striches zum ersten Strich abschätzen und ausführen. Ja, ich nehme nach und nach immer mehr wahr, aber das bedeutet nicht, dass ich das Wahrgenommene umsetzen kann. Der dritte Strich muss sich natürlich zu den zwei ersten Strichen verhalten und die folgenden zu dem hinzugefügten.

Im Volkshochschulkurs sitzen alle angestrengt über ihrem Blatt und vergessen zu atmen. Wir wollen es alle richtig gut machen. Gut kopieren. Ach, wenn wir es nur so gut nachmalen könnten, wie wir die Vorlage bewundern.

Hier kommt Konfuzius ins Spiel. Ihm wird zugeschrieben, dass man sich immer und immer bemühen soll, um das Vorbild perfekt zu kopieren. Und genau hier herrscht wilde Wut unter den Westlern. Sie wollen nicht, dass irgendetwas von ihnen kopiert wird. Keine Handtasche, keine Uhr, keine Jacke, kein Rock, keine Idee. Sie haben das Copyright. Das ist eine Haltung, die China erst lernen muss.

Chinesische Schriftzeichen zu malen ist eine Kunst, die man nur durch jahrelange Übung lernen kann. Als ich bei meinem ersten Aufenthalt – dank Isabel ein Monat in Nanjing – verbringe, darf ich mit ihr zu einem Maler gehen, der als Teil seiner malerischen Fähigkeiten das Schreiben von Schriftzeichen unterrichtet. In der ersten Stunde soll ich auf ein Blatt mit dem Pinsel Striche ziehen. Als ich ihm das Blatt zeige und nach gefühlten 30 Minuten das erste Mal wieder durchatme, sieht er kritisch auf mein Blatt und macht hinter zwei von den dreiundfünfzig Zeichen einen roten Haken. Ich denke natürlich, aha, Rot, die sind falsch. Aber weit gefehlt, die beiden stellen einen guten Anfang dar! Spontan schießen Tränen in meine Augen. Ich hatte mir solche Mühe gegeben. Isabel steht an einer Staffelei und malt ihre fortgeschrittenen wunderschönen Schriftzeichen. Sie sieht mich an und versucht ihr Lachen zu unterdrücken. Ich weiß, was sie denkt: wo gibt es denn so etwas: ein pensionierte Lehrerin heult, weil sie keine schönen Striche ziehen kann. Ich finde Isabel in dem Moment abscheulich. Dabei muss ich ihr ewig dankbar sein, denn sie bietet mir Erkenntnisse vieler Jahre Vorerfahrung und diese einmonatige Anleitung mitten zwischen Chinesen zu leben. Ohne sie hätte ich nie gewagt, ein Jahr allein nach Shanghai zu gehen.

Summary: To draw/ write the strokes of/for a Chinese sign is more difficult than I ever thought of. Only the start and the finish of a stroke is to be exercised: when I spend my first month in Nanjing with Isabel – who helped me basically to get to know Chinese life, without her and this month I would never have dared to go for a year to China all alone – we go to a friend of hers, a Chinese artist who teaches also calligraphy. I have to draw strokes with a paintbrush. Having done about 50 strokes he has a look at them and ticks three strockes with red marks. I think those are no good. But it is the opposite: three of the fifty are more or less acceptable. Tears shoot into my eyes. I look up, Isabels laughs: what a sight, a pensioned 66 year old teacher has to draw simple strokes and cries. I feel like 6 years old, deserted, unfit and stupid.

总结:写中文字是一个 特别难的事情。每个笔有开头和结局。我跟Isabel在南京一个月的时候我送她到她的书法老师。他教我写笔。我试一试写笔。写了五十笔以后他看一看我写的。三个笔后边他做一个红的钩子。我以为那个三个不好。错了!那个三个是一个开头的写笔。我想哭了!我看到Isabel. 发现他笑一笑。当然觉得:一位退休的老师不会写笔哭了!很可笑的!我的心很难过。我感到六岁,完全独自,很笨的。