Travel-Writing

Wohlgefühl durchflutet mich. Ich habe gerade bei ‚Leo’ nachgeschaut, ob es das Wort im Deutschen gibt. Ja. Im Englischen heißt das ‚sense of well-being’ Yes!

Ich sitze in Wien an meinem MacBook Air und ordne alle Notizen von zwei Tagen der Offenen Tür im writers’studio in Wien.

Ich lebe gern in Hamburg/Deutschland. Ich bin vielleicht die Durchschnittsdeutsche? Von Gewicht, Größe, westfälisch bäuerlichem Aussehen (Geburtsort Minden) und meinen mausgrauen Haaren. Das Alter dürfte über dem Durchschnitt liegen. Heute ist es 76 Jahre und 7 Monate.

Seit einem Monat lebe ich in Wien. Eine Wohnung habe ich über airbnb gefunden. Im 7. Bezirk, Neubau – wie die Wiener sagen. Neustiftgasse Ecke Neubaugasse. Über die Adressenangabe habe ich mich lange gewundert, aber in Wien angekommen macht sie Sinn. Die erste Zahl hinter dem Straßennamen ist die Hausnummer, die zweite benennt das Treppenhaus. In meinem Fall liegen drei Häuser hintereinander, die man durch eine große hölzerne Tür mit Messingknauf von der Straße her betritt. Das erste Treppenhaus ist vorn, das zweite – hier Stiege – genannt, liegt hinter einem 1. Innenhof in der Mitte, also 2. Stiege. Durch den zweiten Innenhof in die Stiege des 3. Wohnhauses bin ich noch nicht gegangen. Die dritte Zahl benennt die Wohnungstür-Nummer. Tatsächlich ist über jeder Wohnungstür in diesem Treppenhaus eine Nummer. Meine ist die 31 und sie liegt im 3. Stockwerk. So ist das in Wien. Ich habe das von Hamburg aus nicht herausfinden können. Jetzt macht es Sinn.

Travel Writing.

Mehr geht doch nicht. Zwei Monate Travel nach Wien. Travel Writing ist immer wie ein persönlicher Brief. Andere können, sollen an deiner Erfahrung teilnehmen, davon profitieren. Alle Sinne sollen angesprochen werden. An die Tafel schreibt Ana Znidar:

Ich sehe…

Ich höre…

Ich rieche…

Ich schmecke…

Ich spüre…

Ich gehe…

Ich schreibe:

  1. Ich sehe die Tram in der Lerchenfelder Straße.

Ein Ticket für zwei Monate valide, für Untergrund, Tram und Bus bei den Wiener Linien erwerben, das ist meine erste Amtshandlung. Da ich Mitte August ankomme und Mitte Oktober wieder abfahre, muss ich mehrere Wochenkarten kaufen, was die Sache sehr verteuert. 118 € kostet es mich, in Wien unbeschwert jedes Verkehrsmittel zu besteigen. Jeder Cent hat sich gelohnt. Ich fühle mich schnell wie eine Wiener Bürgerin. Das ist es, was ich bei meinen Auslandsaufenthalten immer anstrebe: kein Tourist zu sein, sondern ein Mensch, der zu neuen Bedingungen sein Leben ordnen und leben muss. ’Immer’ heißt in meinem Fall drei Jahre mit Unterbrechungen in London, ein Jahr in Paris, ein Jahr in Rom, ein Jahr in Shanghai, drei Monate in New York und nun zwei Monate in Wien. Drei Monate waren geplant, aber diese Wohnung war nur für zwei Monate frei und mein Bauch hatte auf den ersten Blick diese Wohnung bejaht. Mein Bauch hatte Recht. Well-being total!

  1. Ich höre meine Schritte auf der Steintreppe von meiner Stiege 2.

Das Haus ist sicherlich Anfang des letzten Jahrhunderts gebaut. Die Stiege ist eine Steintreppe. Eine beige-graue Steintreppe, deren Steinstufen bis zum ersten Stock in der Hauptbelastungszone bereits durch neuen Stein ersetzt werden mussten. Wie viele Schritte auf diesen Stufen gegangen sind. Ich wohne im dritten Stock. Diese Stufen sind leicht zu gehen. In Hamburg muss man von Stufe zu Stufe zu unserer Wohnung einen großen Abstand überwinden. Unfreundlich! Hier unterstützt mich der Abstand wie ein Freund – eben freundlich. Meine Lunge-Schuhe (deutsche Marke, sehr fußfreundlich) höre ich nur leise – tuff-tuff-tuff – aber viele andere Schritte klacken oder stampfen oder schlurfen. Ein Schritte-Konzert.

  1. Ich rieche die indischen Gewürze aus dem Restaurant ’Bombay’ gegenüber.

Curry. Besonderes Curry. Curry ist immer ein Gemisch. Es erinnert mich an meine Zeit (1956) in England als au pair Mädchen. Da hatte ich Curry noch nie zuvor gerochen, aber in England gab es schon lange indische Restaurants. Nein, ich habe noch keinmal im ’Bombay’ gegenüber gegessen.

  1. Ich schmecke den ersten Milchkaffee am Morgen.

Zuhause filtern wir den Kaffee, hier habe ich eine Kaffeemaschine für eine Person. Ich hatte bereits aufgegeben, Milch zu trinken, aber ich habe ein überzeugendes Verlangen nach der Farbe von Milchkaffee. Großem Verlangen gebe ich nach. Besonders in der Fremde.

  1. Ich spüre die Augusthitze Wiens in meiner Wohnung.

Dass es in Wien warm, nein heiß sein würde, das wusste ich aus der Erfahrung des Jahres zuvor. Da hatte ich den workshop ‚short story’ bei Ana Znidar gemacht. Damit hatte mich das writers’studio überzeugt. Hier wollte ich mehr lernen. Hitze macht mir nicht viel aus. Man hält die Fenster geschlossen. Tagsüber geschlossen, habe ich gedacht, aber bis 3 Uhr nachts/morgens ist es heiß, die warme Luft wälzt sich in den Innenhöfen genüsslich.

  1. Ich gehe die Neubaugasse entlang bis zur Mariahilferstraße.

Die Neubaugasse ist eine sehr junge Straße. So viele neue Ideen werden hier ausgestellt. Ein Laden heißt ’auferstanden’. Im Fenster steht eine Schiefertafel. In Kreide steht darauf geschrieben, dass alle Produkte aus alten Produkten neu entstanden sind. Wie so manches ’aus alt mach neu’ hat das Schaufenster zu wenig Farbe. Ansprechend sieht es aus, wenn das entspannte junge Besitzer-, Designerpaar lässig davor steht.

Die anderen Teilnehmer beim ‚Tag der Offenen Tür’ sind natürlich Wiener und keine Traveller. Nun soll ich mich an eine frühere Reise erinnern. Die Augen schließen und Erinnerungen einer früheren Reise vor meinem inneren Auge lebendig machen. Die erste Erinnerung soll ich gleich ergreifen, nicht lange fackeln.

Ich bin wenig gereist wie normale Leute. Ich bleibe meist länger. Jetzt fällt mir Paris ein. Ich schreibe

  1. Ich sehe den ausgeschalteten großen leeren Kühlschrank in meinem kleinen Wohnzimmer. Die Kühlschrank-Tür ist geöffnet. Ich sehe meine Unterwäsche in den vielen kleinen Fächern und den beiden Schubladen. Ich musste ihn nur wieder anstellen, wenn jemand Champagner mitbrachte. Für Unterwäsche eignet sich der Kühlschrank überraschend gut, Pullover beherbergt er ebenfalls gut sichtbar.
  1. Ich höre die spitzen Schreie des Vogels des Concierge-Paares aus dem kleinen Innenhof hinter meinem Schlafzimmerfenster. Gleich fällt mir auch ein, dass der Concierge im zweiten Weltkrieg als Strafarbeiter an den Bodensee musste und einige Worte Deutsch zu sprechen versuchte.
  1. Ich rieche mehrere Male am Tag den Geruch des frischen Baguette-Brotes, wenn ich an den zahllosen Bäckereien in Paris vorbeikomme.
  1. Ich schmecke die Köstlichkeiten der Traiteure, die in der Weihnachtszeit mit genussvollen Speisen aufwarten, die sich ein Deutscher gar nicht vorstellen kann. Auf dem Markt fassen die Leute die Waren an, drücken sie, riechen daran, lächeln den Verkäufer an. In Paris habe ich noch Fleisch gegessen. Nun bin ich schon seit vielen Jahren Vegetarierin.
  1. Ich spüre die Angst im Nacken. Zur Zeit meines Aufenthaltes (1985) war der sogenannte ’Marktmörder’ in Paris aktiv. 30 (?) Morde an Frauen mitten – mittags – am Tag. Eines Tages klopft die Police Judiciaire an meine Tür zu ebener Erde. Man habe gehört, ich sei immer an meinem Schreibtisch, ob ich gestern im Haus gegenüber etwas gesehen hätte. Eine ältere Dame sei ermordet worden. Ich bin zu der Zeit 46 Jahre alt. Passe hoffentlich noch nicht in das Schema der Gebrechlichkeit. Der Polizist gibt mir den guten Rat, ich solle nie jemanden gleichzeitig mit mir in das Haus, geschweige denn in die Wohnung lassen, wenn ich nach Hause komme. Eine Woche später komme ich aus der Oper. Vor meiner Haustür steht ein kräftiger Mann. Ich gebe dem Taxichauffeur ein großzügiges Trinkgeld und bitte ihn zu warten, bis ich im Haus bin. Ich gehe zum Haus und frage den Mann vor der Tür was er wolle. Er habe seinen Haustürschlüssel verloren, oben könne er hinein. Ich soll ihn hineinlassen. Ich denke gar nicht daran. Ich gehe zurück zum Taxi. Was der Typ wolle, fragt mich mein Chauffeur. Ich berichte. Ich frage ihn, ob er mich bis zur Tür begleiten könne, erzähle vom Mord in meiner Straße. Das kann er nicht, aber er ruft den Typ. Er sagt, ich halte ihn hier fest, gehen Sie hinein und wenn ich weiß, dass sie in ihrer Wohnung sind, lasse ich ihn los. Er klemmt seine Hand in das Autofenster neben sich und hält die Hand fest. Ich eile hinein. Mein Herz klopft. Es passiert mir nichts.

Ein anderes Mal übe ich Cello. Ich habe in Paris mit einer Freundesgruppe Mozarts ’Bastian et Bastienne’ inszeniert. Auf die Idee bin ich damals beim ersten Besuch bei Joyce gekommen, die in der Rue de Lubeck eine opernhafte Wohnung hatte: Marmor, eine Wand mit Spiegel, Kristalllüster. Das Entrée allein gab sich als Kulisse. Nach rechts von diesem üppigen Eingang ging die Wohnung ins Musikzimmer mit dem großen Flügel, wo wir musiziert haben, und zur anderen Seite das Wohnzimmer.

Ich übe also meinen Part. Es ist 12 Uhr mittags. Es klopft an meiner Wohnungstür. Ich öffne mit Cello in der Hand. Davor steht ein Blinder, wenigstens hat er einen Stock in der Hand, eine Sonnen/Blinden-Brille auf und ein Blindenband am Arm. Hinter ihm steht ein jüngerer Mann, der ihn beschützend am Ellenbogen abstützt. Der ’Blinde’ sagt mir, dass er nur habe sehen wollen, wer so schön spiele. Ich lächele, bedanke mich für das Kompliment und schließe die Tür. Erst dann wird mir klar, dass das Blind-Sein zu sehr betont war. Mein ganzer Bauch zittert vor der Gefahr, die nun vorbei ist. Ich muss hinter mir einen Schutzengel gehabt haben, der mit dem Schutzengel des Blinden kurz gesprochen hat: die nicht!

  1. Ich gehe Zum Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris. Da habe ich täglich in der Bibliothek gelesen. Vor ein paar Jahren war ich wieder dort. Zu meiner Überraschung darf nun keiner mehr diesen Saal betreten. Seinerzeit konnte ich mir alle Bücher nehmen und fotokopieren und lesen und herausschreiben. Mittags hatte ich damals meist eine Verabredung. Das Restaurant war gleichzeitig die Kantine für die Angestellten des Musées. Da habe ich meine Thèse über die Theaterart geschrieben, die ich in London bei meinem Graduierten Studium an der Central School of Speech and Drama entwickelt hatte. Simultantheater. In diesem Theater kann man Ja und Nein gleichzeitig erleben. Man kann einen Telefonanruf beantworten und gleichzeitig nicht beantworten und beide Entwicklungen gleichzeitig erfahren.

Travel Writing, sagt Ana, bedeutet, dass man zweimal Schönes erlebt. Man reist gern und man schreibt gern: zweimal ’gern’. Das Schreiben, sagt sie, intensiviert das Reisen. Alle Einheimischen, sagt sie, geben bereitwilliger Auskunft, wenn sie wissen, dass man schreibt. Travel Writing, Reiseberichte bekommt man auch viel schneller von Zeitschriften und Zeitungen abgenommen und gedruckt. Reiseberichte sind immer eine gute Geschichte, sagt Ana. Dann bekommen wir unsere nächste Aufgabe: 15 Minuten einen Reisebericht schreiben:

Seit 5 Wochen lebe ich in Wien. Drei Wochen habe ich noch vor mir. Ich bin zum 4. Mal in Wien.

Das 1. Mal mit meiner 15jährigen Tochter. Da haben wir das „Sissi-Wien“ gemacht, mit Belvedere und Schönbrunn, mit Lippizanern, Oper, Burgtheater und Volksoper, Stefansdom und leider keiner Fiakerfahrt, aber gutem Essen.

Das 2. Mal habe ich mit meinem Mann eine Radtour von Passau nach Wien gemacht und Wien gelassen und genussvoll erlebt.

Das 3. Mal habe ich mit einer Freundin einen einwöchigen Kurs über short story im writers’studio gemacht. Das war ein wesentliches Erlebnis für meinen jetzigen 4. Wienaufenthalt. Was ich jetzt erlebe ist gewaltig und mehr als eine Reise: ich lebe jetzt in Wien. Die Sehenswürdigkeiten werden zum Hintergrund und das wundervolle normale Alltagsleben der Wiener wird auch mein Alltag. Bekanntes sieht hier anders aus: aus dem A-Logo von Aldi wird Hofer, aus dem Logo von ’Plus’ wird ’Zielpunkt’.

Eine Wohnung für 2 Monate habe ich über airbnb gemietet. In airbnb duzen wir uns alle und gleich ist meine junge Vermieterin – ich wohne in der Wohnung ihrer 77jährigen Mutter – wie eine gute Bekannte. Ich kann sie im Vorweg alles fragen, was mich brennend interessiert und gleich fliegt eine email, dann eine SMS und wieder eine Whatsapp zurück zu mir. Die Adresse ist mir zunächst ein Rätsel…

Die Zeit zum Schreiben ist um. Die gesenkten Köpfe heben sich, die greifbaren Gedanken ziehen sich wieder in ihre Kästchen zurück, in den Raum kommt Bewegung. Travel Writing, das habe ich begriffen, ist etwas ganz Feines.

Die nächste 40 minütige creative writing meeting ist Poetry mit Eva Kuntschner, mit der ich bereits einen 4 tägigen Workshop hinter mir habe, denn mein literarisches Thema in Wien ist das Älterwerden, über das ich Gedichte schreiben will, die schließlich zu Songtexten werden sollen. Als Begleitungsinstrument lerne ich die Ukulele. Ich erlerne sie in Eigenregie nach einem Videokurs von der Website ’The Idler’, die ich sehr empfehle. Eine Initiative für den kreativen Müßiggang, aus London. Sehr unterhaltsam ideenreich!

Heute erfreut uns Eva mit der Ode an die Zwiebel. Sie erhebt sich. Weist noch einmal darauf hin, dass das poetry Lyrik sei, also zur Leier gesungen und auch so vorgetragen werden müsse.

(kopiert aus Patricia’s Blog bei wordpress)

Ode an die Zwiebel von Pablo Neruda

Zwiebel,
leuchtende Phiole,
Blütenblatt um Blütenblatt
formte deine Schönheit sich,
kristallene Schuppen
ließen dich schwellen,
und im Verborgenen der dunklen Erde
füllte dein Leib sich an mit Tau.
Unter der Erde
ward dieses Wunderwerk,
und als dein unbeholfener
grüner Trieb erschien
und deine Blätter degengleich
im Garten sprossen,
drängte die Erde
ihren ganzen Reichtum zusammen
und wies deine nackte Transparenz,
wie in Aphrodite das ferne Meer
die Magnolie nachschuf,
da es ihre Brüste formte,
also bildete
dich die Erde,
Zwiebel, hell wie ein Planet
und zu leuchten
bestimmt,
unvergängliches Himmelszeichen,
rundliche Rose von Wasser
auf
dem Tisch
der armen Leute.
Verschwenderisch
lässt du
deinen Globus der Frische zergehn
im verzehrenden Sud
des Topfes
und der kristallene Saum
in des Öls Hitze
verwandelte sich in eine gekräuselte Feder von Gold.

Auch gedenke ich, wie dein Zutun
die Freundschaft des Salates fruchtbar macht,
und es will scheinen, der Himmel hilft mit,
da er dir des Hagelkorns zierliche Gestalt verlieh,
deine feingehackte Helle zu rühmen
auf den Hemisphären einer Tomate.
Aber erreichbar
den Händen des Volkes
und beträufelt mit Öl,
bestreut
mit ein wenig Salz,
tötest du den Hunger
des Tagelöhners auf mühsamem Wege.
Stern der Armen,
gütige Fee,
eingehüllt
in zartes
Papier, kommst du aus der Erde,
ewig, vollkommen, rein
wie der Gestirne Samenkorn,
und wenn in der Küche
das Messer dich zerschneidet,
quillt die einzige
leidlose Träne.
Du machst uns weinen, ohne uns zu betrüben.
Solange ich lebe,
lobsingen will ich,
Zwiebel,
für mich bist du schöner doch
als mit blendenden Schwingen
ein Vogel,
für meine Augen bist du
Himmelskugel, Platinkelch,
beschneiter Anemone
unbeweglicher Tanz,

und der Erde ganzer Duft,
er lebt in deiner kristallinischen Natur.

(Pablo Neruda)

Begeisterung im Raum. Alle machen sich mit Enthusiasmus daran, selber eine Ode an einen Alltagsgegenstand zu schreiben. Ich schreibe eine

Ode an meine Wiener Kaffeetasse

Schwarz bist du innen

Schwarz und glänzend

Und höher als all die

anderen Tassen im Schrank

deine innere Schwärze

kontrastiert wunderbar

mit der zartrosa äußeren Farbe

dein Schwarz im Inneren

schreit nach weißer Milch

damit Beige als Kaffee

oder als Tee entstehe und

meine Pausen erfrische,

mir all die schönen Orte zurück bringe

an denen mich dieses Beige

angelächelt, ja: getröstet hat

Auf der einzigartigen Insel

Der Angel-Sachsen war es der Tee

Das Allheilmittel aller Bewohner

Im Land Jean d’Arcs der Café

In den berüchtigten bols

Aber hier in Wien

In der Hauptstadt von Café und Kaffee

In meiner schwarzen Tasse

Du Holde

Innen schwarz, außen hell und rosa

Wenn du – gefüllt und beige –

in meiner Hand liegst

geht es mir gut

Nun sollen wir alle bestimmten Artikel (der, die, das) aus dem Text streichen. Ich tue es, finde den Text aber anschließend nicht besser. Dann sollen wir die Adjektive mit anderen, geradezu unpassenden Adjektiven ersetzen. Das spare ich mir, so zufrieden bin ich, dass ich die Tasse besungen und verewigt habe, die ich einzig von allen Tassen im Gebrauch habe. Zum Schluss sollen wir uns alle erheben und gleichzeitig unsere Ode dramatisch deklamieren. Alle tun das und der ganze Raum schwingt.

Travel Writing und Poetry gehörten zu den Kurz-Workshops des zweiten Tages. Sie hatten die zusammenfassende Überschrift ’Passion Writing’. Am ersten Tag war das Thema ’Texten im Beruf’ Beide Tage beginnen um 9 Uhr.

Beide Tage beginnen mit den Morgenseiten nach Julia Cameron, ’Der Weg des Künstlers’. Ich habe daran nicht teilgenommen. Finde diese Übung/Tätigkeit den besten Einstieg sich und seine Intuition urteilslos wahrzunehmen.

Jeder Teilnehmer eines jeden Kurses bekommt zur allgemeinen Einstimmung die 10 Regeln des Freewriting:

(nach Natalie Goldberg & Peter Elbow)

  1. Wähle einen Begriff oder ein Thema zum Ausgangspunkt.
  2. Stelle eine Eieruhr auf 10,15 oder 20 Minuten.
  3. Beginne einfach zu schreiben, was immer dir durch den Kopf geht.
  4. Die schreibende Hand bleibt immer in Bewegung
  5. Lies nicht, was du geschrieben hast. Schreib einfach weiter.
  6. Nichts Löschen oder wegstreichen.
  7. Sorge dich nicht um Rechtschreibung, Satzzeichen & Grammatik.
  8. Verliere die Kontrolle, folge einfach deinen Gedanken. Exkurse und       Blödsinn sind ok.
  9. Wenn du nicht weiter weißt, schreib so lange „mir fällt nichts ein“, bis wieder ein neuer Gedanke kommt…

10   Wenn die Zeit um ist, schreib den angefangenen Gedanken fertig und dann stopp! Freu dich auf das nächste Mal.

Ich bin erst zum dritten Kurs gegangen: Artikel schreiben für Nicht-JournalistInnen mit Simone Leonhartsberger. Das hat mir auch Spaß gemacht.

Im Schnellverfahren sah das so aus:

Jeder Artikel muss eine Nachricht/Information enthalten, die Betroffenheit/Emotionalität hervorruft. Sie muss aktuell sein, darf kurios sein. Promifaktor hat Gewicht für die Abnahme durch eine Zeitung/Zeitschrift.

Jeder Artikel beantwortet die 7 Ws: wer, wo, was, wann, wie, warum, woher

Die Form jedes Artikels ist die Form einer Pyramide. Allerdings steht sie auf dem Kopf. Am sich verjüngenden Ende kann man dann streichen, das Wichtige, die Information, steht ja oben. So kann man den Artikel je nach Platz im Layout der Zeitung kürzen.

Wir nehmen heute die einfachste Art durch, die Nachricht in der Boulevard- Zeitung. Es liegen Zeitungen auf dem Tisch, jede – wir waren ein Gruppe ausschließlich von Frauen!- nimmt sich eine und soll die erste Überschrift auswählen, die sie anspricht.

Ich wähle spontan eine Notiz über Albert von Monaco und seine 18jährige Tochter. Zunächst beantworten wir die 7 W-Fragen:

wer – Albert von Monaco

wo – Monaco

was – uneheliche Tochter

wann – jetzt

warum – Vaterfigur vermisst

wie – Geschwisterbesuche

woher – vor 18 Jahren

jetzt muss ich den Artikel schreiben:

Spätes Vaterglück in Monaco

Christine R. ist glücklich. Nach 18 Jahren sieht sie endlich ihren Vater: Albert von Monaco. 18 bittere Jahre, ohne Vater, ohne Vaterfigur. Nun ist er Fleisch und Blut und leibhaftig geworden: Albert von Monaco. Die junge Frau darf ihre Halbgeschwister treffen. Immer wieder. Vergangenheit wird versöhnt – ein Märchen wird wahr.

Der nächste Workshop hat den Titel: Pressemeldungen texten (mit Andrea Magdoin-Braunsdorfer)

Ein Pressenotiz oder Pressemitteilung hat wieder die 7 W-Fragen als notwendiges Gerüst. Wir bekommen eine DIN A4 Seite mit Text, 10 Minuten Zeit und sollen diesen Text anhand der W-Fragen auf eine Pressemitteilung verkürzen. Es dürfen höchstens 2 Zitate aus dem Text enthalten sein. Bei dieser Aufgabe müssen sich alle sehr anstrengen. Die Resultate werden von Freiwilligen vorgelesen. Danach sollen wir eine Presse-Notiz über ein Buch von uns schreiben. Ich bin entzückt und probiere gleich, mein noch nicht gedrucktes Buch in das 7W – Fragen-Korsett zu packen:

Was – Ein Buch über eine Welt ohne Geld.

Wer – In dem Roman von Elisabeth Scherf wird diese Vorstellung Wirklichkeit.

Wo – Anberaumt in einem Stadtteil, in dem im Hamburger ’Tatort’ gern die Morde an Reichen geschehen: Hamburg – Uhlenhorst

Wann – Jetzt! Es kommt kein Geld mehr aus den Geldautomaten; die Banken sind geschlossen

Wie – Die Menschen werden aktiv: auf den Alsterwiesen wachsen Tomaten und Zwiebeln – für alle, für jeden.

Woher – Woher so viel Gemeinsinn? Die Welt hat die größte Ressource des Universums entdeckt: die bedingungslose Liebe zu sich selbst und zu allen anderen Menschen, zu den Tieren, den Pflanzen, zu unserem Heimatplaneten. Wie das gehen könnte, lesen Sie in Elisabeth Scherfs Buch: anders denken: von allem weniger und von Liebe mehr: eine Welt ohne Geld

 

Texten für Web, Flyer & Co (mit Michaela Muschitz)

Das Zentrum für diese Texte ist die Positionierung. Mit den Schlagwörtern: was ist meine Zielgruppe, in welcher Ausstattung, wie sieht es von außen aus: Verpackung, wer hat den größten Nutzen und was ist das ganz Besondere, d.h. USP = unique selling proposition

Aufgabe: einen Werbetext verfassen

Sie schreibt Bücher.(Ausstattung) Ihre Bücher wollen ihre eigene Lebensfreude für andere öffentlich zu machen. (USP) Lebensfreude für Frauen. (Zielgruppe) Besonders für Frauen ab dem 40. Lebensjahr. (Nutzen) Drei Bücher. Alle beschreiben eine andere Denkweise: anders denken – ewig leben, anders denken – ur-teilen heilen, anders denken: von allem weniger und von liebe mehr: eine welt ohne geld. Anders denken und alles kann gut werden!

Der nächste Workshop wird von der Chefin – Judith Wolfsberger – gehalten:

Ein Sachbuch über das eigene Know how schreiben?

 Wir beginnen wieder mit der Sammlung von Essentials: ein gutes Sachbuch hat eine klare Message, die provokant sein darf und ein eindeutiges Profil haben sollte. Eine spannende Struktur transportiert diese Message. Es sollte eine Expertise für dieses Feld sein: für wen ist dieses Sachbuch interessant und was genau könnte diese Leser interessieren. Ein gutes existierendes Beispiel ist der Bestseller: Eat, Pray, Love. Übrigens beliebig abwandelbar in: bake-eat love oder paint – breathe – walk … and so forth. An der Flipchart stand offensichtlich auch noch..

Mach es stark:

Dream it – I dream

See it     – I see

Do it     –   I do

Den Kontext habe ich vergessen.

Dann kommt die berühmte 20-Minuten-Eieruhr zum Einsatz. Wir sollen schreiben, was für ein Sachbuch wir schreiben würden. Ich schreibe die Stichwörter:

Message 1 Selbstakzeptanz

Message 2 Selbstdisziplin, d.h. gut trainierte Willensmuskel

Für wen interessant?

Wer sich ein erfülltes Leben aufbauen möchte und die einzelnen Schritte zur Selbstakzeptanz lernen möchte.

Was könnte daran interessieren, auch die ’Userfrage’ genannt:

– Wie lebt man zufrieden mit seinen Problemen?

– Wie kann man sich selbst bedingungslos akzeptieren?

– Was kann man machen, damit das Leben immer mehr Freude macht?

Der Expert empfiehlt:

– Sich überwinden und hundertprozentig akzeptieren: sich morgens nackt vor den Spiegel stellen und zu seinem Spiegelbild lächelnd sagen: ich liebe mich bedingungslos!

– So lange üben, bis man das Gefühl verliert zu lügen.

– Den ganzen Tag über immer wieder in Gedanken sagen: ich liebe mich bedingungslos. Besonders immer dann, wenn man etwas Dummes getan hat oder eine Konfrontation hinter sich hat.

– In einer kritischen Diskussion mit einer herz-wichtigen Person auf die Toilette gehen und deinem Spiegelbild diesen Zaubersatz so lange sagen, bis du dich zufrieden anlächelst.

– Immer wieder kleine Willensübungen machen, um diesen Muskel, den jeder hat, zu stärken, d.h. sich vornehmen, zu einer bestimmten Zeit – beispielsweise am Nachmittag – etwas Harmloses zu machen – wie: Den Kühlschrank einmal öffnen und schließen. Ähnliche Übungen mit sich selbst verabreden. Sich vorstellen, wie man diese ausführt und sie dann auch zur mit sich selbst verabredeten Zeit tun.

Judith hat noch einmal nachgefragt, ob das Wort ’Willensmuskel’ meine Wortschöpfung sei. Ja, das ist es. Keiner konnte sich darunter etwas vorstellen und da habe ich die Geschichte aus meiner Schulklasse erzählt, die ich auch in meinem ersten Buch erzähle und die dort nachzulesen ist.

Zum Schluss des ersten Tages findet noch der Workshop von Marcus Fischer statt. Er ist seit Jahrzehnten ein Werbefachmann auf dem Weg zur Veränderung zum Schreibcoach. Sein Workshop heißt:

Headlines & Titel für Texte, Bücher, Projekte brainstormen.

An die Flipchart kommen nun folgende Begriffe: Headlines müssen Klang, Rhythmus, Spiel, Humor und Tonalität haben. Er hat uns ein informatives Blatt zusammengestellt, das mir sehr gut gefällt und mich viel lehrt.

Strickmuster für Headlines:

Anapher

Genial einfach. Einfach genial.

Es ist Sommer. Es ist Urlaub. Es ist zum Heulen.

Brechung einer Reihe

Waschen. Putzen. Gutes tun.

Zucker, Mehl und Menschlichkeit

Gegensätze/Irritationen

Draußen zu Hause.

Für eingefleischte Vegetarier.

Der Computer: Mein Feind und Helfer.

Klang und Rhythmus

Alliteration: Liebe, Lust und Langeweile

Rhythmus: Landluft, Milch und gute Laune

Generell: je kürzer, desto besser, max. 5-6 Wörter

Spiel mit Vorlagen

Wie kehr for you (Müllabfuhr Berlin)

Märchen-Prints (Drucker)

Mit Laib und Seele (Bäcker)

Das roggt (Brot)

Burgerinitiative (Mc Donald)

Das verflixte 2. Album (CD-Rezension)

Unten sind drei Bilder kopiert

Obama, darüber steht YES WE SCAN unter seinem Bild unten ganz klein geschrieben: we are watching you

Bild – Zeitung mit Wir sind Papst

Der Spiegel mit der Headline VERSICHERT UND VERRATEN

Dann bekommen wir eine Text über ein Lebensmittelgeschäft, betrieben vom Sozialverein „Lebensfroh“, der regionale Lebensmittel vertreibt und alle begeistert. Dafür müssen wir nun eine Headline finden.

Meine Vorschläge sind:

Käse, Kunden und Kontakte

Honig, Heim und Herzlichkeit

Ana Znidar hält den Workshop:

Bewegende Blog–Texte verfassen

Der Blog gehört, wie Kolumne und Kommentar, zum Personal Essay. Ein Personal Essay ist eine Erzählung mit einer Story und hat ein starkes ICH als Stimme der Weltwahrnehmung. Alle Gefühle, wie Wut, Empörung, Begeisterung, etc. sind hier Gegenstand. Und es gilt Tell AND Show. Sonst heißt es immer show don’t tell.

An die Flipchart schreibt sie: Einstieg mittendrin – persönliche Perspektive – Authentizität – bildhaftes Schreiben (show, don’t tell) – eigene Stimme entwickeln – Themen, die bewegen und berühren – Spannung

Schreibübung: Themen kurz skizzieren, die uns beispielsweise wütend gemacht haben, die uns begeistert und aufgeregt haben

Ich schreibe:

  1. gefühlsmäßige Irritierung: Ich wollte, so wie es jeder Chinese, jede Chinesin es vom Schulalter an kann, die vier Himmelsrichtungen (im Osten geht die Sonne auf, im Süden nimmt sie ihren Lauf, im Westen will sie untergeh’n, im Norden ist sie nie zu seh’n) anwenden, um den Straßenverlauf zu finden: nicht sagen: Nach rechts abbiegen, sondern: Nach Norden weitergehen bis… So macht man das in China. Wenn ich in Shanghai nach einer Straße gefragt habe, dann haben die einfachsten Menschen mir den Hinweis gegeben, ich solle geradeaus und dann nach Westen abbiegen. ?..?? Ich habe es also jetzt in Wien versuchen wollen. Ich bin zum Westbahnhof gefahren und war schon schnell von mir selbst total ernüchtert: ich konnte nicht einmal den von mir konfigurierten Kompass auf meinem IPhone interpretieren.
  1. gefühlsmäßige Irritierung: Es war ein tolles Gefühl, vom Jodeln auf der Vinschgauer Alm in Südtirol am anderen Ende Österreichs wieder in meine Wiener Wohnung zurück zu kommen. Ein Gefühl, wie in Hamburg nach Hause kommen.
  1. gefühlsmäßige Irritierung Ein Gefühl der Freude, wenn ich wie selbstverständlich in Wien die U-Bahn benutze. Erinnert mich wohlig an die Vertrautheit in Paris und London. Komischerweise nicht an die ebenfalls einfache und schließlich vertraute Nutzung in New York.
  1. Schreibübung: Ich muss eine Notiz auswählen und einen Blog ausformulieren.

Ich schreibe:

Westbahnhof. Es ist sehr ruhig und dabei stehen, liegen und sitzen dort so viele, viele Flüchtlinge. Busse stehen aufgereiht und Polizeiautos und Polizisten. Ich habe mir zu Hause, d.h. in meiner Wiener Wohnung, vorgenommen, meinen Weg zum ’Bergfuchs’, dem Fachgeschäft für alle Aktivitäten in den Bergen, mit Hilfe des Kompasses auf meinem IPhone zu finden. Ich stehe am Westbahnhof in dem Gewirr von Weltgeschichte und kalibriere auf meinem IPhone meinen Kompass. Da ist Norden. Ich dreh’ mich um. Wieso ist Norden jetzt da? Er muss doch immer noch in derselben Richtung liegen wie eben. Wie machen das nur die kleinen Chinesen. Sie sind oft nur 10 Jahre alt und geben den Rat oder wissen auf jeden Fall, was zu tun ist, wenn sie hören oder sagen:“ … und dann nach Westen abbiegen.“ Die hatten in Shanghai keinen Kompass dabei. Nur den Himmel über uns, egal, ob die Sonne scheint oder dort Wolken tief hängen. Ein Jahr lang habe ich das erleben dürfen. Ich stehe immer noch vorm Westbahnhof und bin desorientiert. Jetzt gehe ich vom Hauptausgang zur Ecke links. Ich sehe die vielen Flüchtlinge, aber ich habe aber ein anderes Problem. Ich gehe zu einem jungen Polizisten und frage ihn ernsthaft, wo die ….Straße liege. Er guckt ganz erleichtert über so eine harmlose Frage und deutet mit beiden ausgestreckten Armen in die Richtung, in die ich jetzt stapfe. Ich hole das IPhone wieder heraus, kalibriere wieder der Kompass, indem ich auf dem Display eine kleine rote Kugel einen inneren Ring entlang gleiten lasse. An der nächsten Ecke sehe ich auf meinen Routenplan. Also jetzt nach Westen. Ich folge dem Kompass. Gehe einige Meter und denke: hier muss es sein. Und da ist es. Aber das war ein Zufall! Ich weiß nicht mehr als vorher. Wie machen das die kleinen und großen Chinesen nur. Immer wissen sie wo Norden, Süden, Osten und Westen sind. Auch beim Mah Jong Spielen habe ich die Schwierigkeit zu wissen, den Wind welcher Himmelsrichtung ich sammeln muss. Ich weiß nicht in welcher Richtung ich sitze und dabei weiß ich in dem Falle immerhin, wo Osten ist. Aber ich habe keine Ahnung. Ach, ich bin ernüchtert über mich.

Danach ist der 1. Tag zu Ende, es gibt ein kleines Buffet und danach sind fünf Lesungen von gelungenen Stories oder Gedichten. Ich bin als einziges Gedicht eingeladen mit meinem ’Was ich am besten kann auf Erden ist ohne Zweifel älter werden’. Judith hatte dieses Gedicht mit der Begründung ausgesucht, zwischen den tragischen Beispielen müsste auch einmal etwas Lustiges geboten werden. Über dieses Kompliment habe ich mich richtig doll gefreut.

Als Bericht steht nun nur noch aus: Short Story: Einstieg ins literarische Schreiben (mit Ana Znidar) Für mich ist dies die Königsdisziplin. Es wird niemals genug Bücher geben, weil jeder andere Themen unterhaltsam findet. Das ist für mich das Hauptkriterium: unterhaltsam!

Ich habe im letzten Jahr bei Ana schon einen 4tägigen Workshop gemacht. Die Short Story, deren Hauptkriterium nach der Definition der amerikanischen Short Story die grundsätzliche Veränderung eines Menschen ist, ist in meinem Blog unter der Überschrift auffindbar ’Endlich ein Paket für sie’.

Ana führt aus, eine Short Story ist komprimiert, dicht, intensiv und behandelt meist Alltagssituationen. Gutes Schreiben heißt: mit Spannung berichten, Mut zur Lücke haben, oft ist ein offenes Ende empfehlenswert. Wichtig: show, don’t tell!

Wir sollen einen Dialog schreiben. Ich schreibe:

Andreas: Wo warst du gestern Abend?

Luise:       Wieso?

Andreas:   Wieso: wieso?

Luise:       Man beantwortet eine Frage nicht mit einer Frage!

Andreas:   Genau, das wollte ich eben auch sagen.

Luise:       Hast du aber nicht.

Pause

Andreas: Raus mit der Sprache!

Luise:        Ich war mit Markus im Kino.

Andreas:  Hört sich harmlos an, ist es aber nicht. Dann hättest du mir meine Frage nicht nur gleich beantwortet, sondern mit spontan davon berichtet.

Luise:      Kannst du das Messer mal hinlegen?

Andreas legt das Messer neben das Frühstücksbrett.

Luise:     Ich weiß doch, wie du bist.

Andreas: Aha. Es ist also meine Schuld

Luise :     Wer redet hier von Schuld?

Pause

Luise:     Jetzt wird es wieder schwierig. Wie ich das hasse!

Andreas: Nein, es wird nicht schwierig. Du hast nicht gefragt, wo ich war und     das sage ich dir jetzt ganz freiwillig: ich war mit Silvia bei unserem Italiener und danach war ich bei ihr und ich bin eben erst mit den Brötchen nach Hause gekommen. Und diese beiden Brötchen lasse ich dir und mit den anderen vier gehe ich jetzt zurück zu Silvia.

Luise nimmt die beiden Brötchen und schiebt die Brötchentüte zurück zu Andreas. Der dreht sich um. Hinten hängt sein Hemd aus der Hose. Wenn das vorne auch aus raushängen würde, denkt Luise, dann sähe das ja ganz gut aus, aber so. Sie seufzt. Da sieht sie die Kappen seiner Schuhe, die vollkommen heruntergetreten sind.

Sie zieht den Bademantel vorne dichter zusammen und macht dann entschlossen einen doppelten Knoten in den langen Gürtel. Aus der Tasche des Bademantels holt sie eine Spange und steckt ihre blonden langen Haare geschickt hoch.

Andreas steht immer noch mit dem Rücken zu ihr vor der Küchentür, er dreht sich nicht um und geht schließlich grußlos.

Luise denkt: gut, dass ich mit Markus im Kino war. Diese Szene hätte sich vor einem halben Jahr abspielen sollen, aber erst jetzt hat Markus den Job in Zürich bekommen. Er freut sich auf sein neues Leben. Vielleicht hätte sie doch bei Markus bleiben sollen? Sie freut sich auf die beiden Brötchen und steht auf, um Kaffee zu kochen. (Ende.)

Es liest keiner vor, aber Ana betont noch einmal, dass man zeigen soll, was sich abspielt: Eigenschaften müssen an der Figur erkennbar sein. Wie die Figur dasteht: schüchtern, nervös, eingebildet. Der Charakter muss zu sehen sein.

Jetzt bleibt nur noch der Workshop Krimi schreiben! Spannung in Geschichten bringen (mit Michaela Muschitz, die auch selber einen Krimi geschrieben hat)

Es ist der zweite Workshop-Tag. Wir sind alle müde. Ich bin auf jeden Fall ganz schön vollgestopft und erschöpft. Ich merke mir nur noch wenig, obwohl mich das Thema interessiert. Ich würde gern einen Krimi ohne Mord und ohne Leichen schreiben, aber …

Klar wird, jeder Krimi spielt an einem Ort und den muss man wirklich durch und durch gut kennen. Dann müssen wir drei Sätze schreiben, die anfangen sollen mit den Wörtern:

  1. Ich wollte schon immer einen Krimi schreiben, der auf einem Sportplatz stattfindet.
  2. Ich wolle schon immer einen Krimi schreiben, der in einer Schule stattfindet.
  3. Ich wollte schon immer einen Krimi schreiben, der in einer Kirche im Gottesdienst stattfindet. Ja, Kirche als Ort kenne ich am besten. Mein Vater war Küster und ich habe die Marienkirche in Minden gefegt, Staub gewischt und unendlich lange Tasten zum Stimmen der Orgel halten müssen.

Über diesen Ort muss ich jetzt einen Krimianfang schreiben. Ich schreibe:

Mehr Menschen als sonst sitzen in den Kirchenbänken, die aufgeschlagenen Gesangbücher in der Hand. Die Orgel schwingt machtvoll, zu machtvoll durch das gotische Kirchenschiff. Warum singt Ludwig nicht mit, denkt der Küster. Der ist doch so ein guter Tenor im Kirchenchor. Der hat eine schöne Stimme. Gute Tenöre sind nicht leicht zu finden. Das weiße Beffchen über dem schwarzen Talar des protestantischen Pfarrers zittert bei jedem gesungen Vokal. Ja, die Kirche ist ungewöhnlich gut besucht. Ludwig sitzt ganz still, er hat kein Gesangbuch in der Hand. Sein Kopf ist nach unten gebeugt, so, als suche er etwas. Oder schläft er? Die Predigt war sehr bemüht. Ganz unterschiedliche Gemeindemitglieder haben nach beliebigen Sätzen innerlich ein Amen ausprobiert, was das erlösende Ende der gründlichen und langen Predigt über Matthäus 5:39, die Bergpredigt, gewesen wäre: „… wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin.“ (Ende)

Wir hören gut zu, als sie uns erklärt, dass man entweder den Mörder vorher kennt, d.h. gedanklich eine klare Vorstellung von ihm hat oder aber als Schreiber selber verwundert nach einem sucht. So wie es Donna Leon auf ihrer Lesung bei Noble & Barnes in New York erzählt hat, bei der ich am Tag meiner Ankunft 2011 in New York gewesen bin: sie lese die Zeitung, ärgere sich über einen Missstand und versuche dann, die Ursache mit Herr Brunetti zusammen zu lösen. Sie habe am Beginn keinen blassen Schimmer.

Wir müssen uns auch noch im Klaren darüber sein, ob es ein geplanter Mord sein soll oder ob er im Affekt geschieht. Ein großes Problem sei: was mache ich mit der Leiche. Ehrlich gesagt, höre ich das total ungerührt, denn ich will nur noch nach Hause und muss vorher noch innerhalb einer Viertelstunde im Billa um die Ecke meine Sonntagseinkäufe machen, denn die Geschäfte in Wien schließen alle um 18 Uhr.

Unglaublich! Ich stehe auf und strecke mich. Ich habe in diesen zwei Tagen so viel kennen gelernt und manches auch schon gelernt. Was für ein Riesengeschenk. Ich lerne doch so gern!

Lesungen beim Open House 2015

am Freitag, 18. September 2015, 18:30 Uhr

5 Fünfminuten-Texte & 1 Song von TeilnehmerInnen
Dazwischen Verlosungen von Seminargutscheinen

□ Astrid Schwarz: Der Tod hat viele Gesichter (Personal Essay)
□ Marcus Fischer: Wild campen* (Short Story)

□ Milica Jankovic: Bomben über Belgrad (Memoir)

□ Elisabeth Scherf: Was ich am besten kann auf Erden (Poetry)

□ Theresia Nestlang: Lass Dich fliegen – Vom Erwachsen werden (Sachbuch)

Zum Ausklang:

Helmut Schmitz, Writers´Retreat-Song (Writers Retreat Piran)

*zur Zeit in der Endrunde des FM4 Literatur-Wettbewerbs Wortlaut. Wir gratulieren!

Und hier ist mein Lesungs-Gedicht

Was ich am besten kann auf Erden

Ist ohne Zweifel älter werden

 

Ich tu’ es stündlich, Tag für Tag

Ob’s mir gefällt, ob ich es mag

 

Bemerkt kein Schwein, es muss halt sein,

erscheint nur einmal jährlich rein.

Dann wird’s ab 30 eine Zahl

Alternativlos, ohne Wahl

Mit 30 hast du einen Mann

Und auch ein Kind mit allem dran

Den Mann – hopefully – nur für dich

Für’s Kind ’ne Hilfe – hoffentlich

Dem Markt gefällst du so enorm

Du bist die absatzstarke Norm

Was ich am besten kann auf Erden

Ist ohne Zweifel älter werden

 

Ich tu’ es stündlich, Tag für Tag

Ob’s mir gefällt, ob ich es mag

 

Bemerkt kein Schwein, es muss halt sein,

erscheint nur einmal jährlich rein.

 

Dann wird’s ab 40 eine Zahl

Alternativlos, ohne Wahl

Doch ist was anders: die Wahl ist groß

Es geht nicht mehr nur um den Schoß

Jetzt, jetzt schlag zu und wähl den Kopf,

das Herz, die Fantasie und propf

nicht andrer Fühlen deinem Sinn

Bleib ganz bei dir, such da Gewinn

Lern, erkunde und reise viel

Begreif das Leben wie ein Spiel

Was ich am besten kann auf Erden

Ist ohne Zweifel älter werden

 

Ich tu’ es stündlich, Tag für Tag

Ob’s mir gefällt, ob ich es mag

 

Bemerkt kein Schwein, es muss halt sein,

erscheint nur einmal – jährlich – rein.

Dann wird’s mit 50 eine Zahl,

alternativlos, ohne Wahl

Jetzt denkt der Mensch: die Hälfte rum.

Im Kopf geht ihm die Hundert um

Nur vorbereitet auf die 30

Merkt er schnell: jetzt wird es scheißig

Es sei denn, er kriegt flugs den Dreh

Zur Empathie und schmilzt den Schnee

Von Leid in anderer Herzen

auch zur Heilung eigner Schmerzen

Was ich am besten kann auf Erden

Ist ohne Zweifel älter werden

 

Ich tu’ es stündlich, Tag für Tag

Ob’s mir gefällt, ob ich es mag

 

Bemerkt kein Schwein, es muss halt sein,

erscheint nur einmal – jährlich – rein.

 

Dann wird’s ab 60 eine Zahl

Alternativlos, ohne Wahl

Doch nicht gefürchtet: man ist wahr:

Geteiltes Lieben, das ist klar

Zu unserer Mutter Erde

die volle Liebesgebärde

Mit allen Pflanzen und Tieren

Liebend identifizieren

Was ich am besten kann auf Erden

Ist ohne Zweifel älter werden

 

Ich tu’ es stündlich, Tag für Tag

Ob’s mir gefällt, ob ich es mag

 

Bemerkt kein Schwein, es muss halt sein,

erscheint nur einmal – jährlich – rein.

 

Dann wird’s ab 70 eine Zahl

Alternativlos, ohne Wahl

Die Welt wird ganz Familie

Die schönste Immobilie

Für alle gleich und doch anders

Vielleicht so wie Lilo Wanders

Endlich darf jeder anders sein

Falten, Bauch interessiert doch kein’

Was ich am besten kann auf Erden

Ist ohne Zweifel älter werden

 

Ich tu’ es stündlich, Tag für Tag

Ob’s mir gefällt, ob ich es mag

 

Bemerkt kein Schwein, es muss halt sein,

erscheint nur einmal – jährlich – rein.

Du wirst 80, 90, 100

Du begreifst, dass niemand wundert

Weitere zehn Jahrestage.

Wer denkt jetzt noch: welche Plage

Manche entdecken noch viel mehr:

Unsichtbares Bedeutungsmeer

Augen, Farben, Klänge Musik

Jeder Mensch ist wirklich unique.

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