S-Bahn Hamburg Hauptbahnhof, mein Zug Richtung Neugraben. Zwischen den beiden Ausgängen befinden sich rechts und links vom Gang jeweils drei Abteilungen mit jeweils vier Sitzplätzen. Ich setze mich in die Mitte links in Fahrtrichtung. Durch die Fenster sehe ich einen perfekten Herbsttag, blauer Himmel, satter Sonnenschein. Es ist der 1. Oktober. Mir gegenüber sitzt eine Frau um die Fünfzig,  neben mir ein Mann mit schwarzem Anorak. Gegenüber von uns im Mittelabteil sitzt ein Mann in dunkler Arbeitskleidung. Die Stimmung ist gelassen mit einer hoffnungsvollen Schwingung, wie sonntags kurz vor dem einzigen Stück Kuchen der Woche.

Hammerbrook

Plötzlich steht rechts im Gang ein junges Mädchen in Tigerfell-Leggings, schwarzem Rock, kräftigen kurzen Schnürstiefeln und schwarzer Stoffjacke, Haare eng am Kopf, Piercing in der Nase. Sie schreitet kräftig entschlossen zum Fenster auf der rechten Seite über dem Arbeiter in Schwarz, reißt es auf und setzt sich wieder hin. Mit mir Rücken an Rücken.

Sie sitzt noch nicht, da steht im Abteil ihr gegenüber ein Mann mit blass-rötlichem Haar in senffarbenem Jackett auf, lehnt sich zum Fenster über den Kopf des Arbeiters in Schwarz und klappt es entschieden wieder zu.

Er lässt sich hörbar zurück auf seinen Sitz fallen. Schon steht das Mädchen am Fenster – dem einzigen Fenster wie ich schnell sehe, das auf jener Waggonseite geöffnet werden kann – und reißt es entschlossen wieder auf.

Der Mann hinter dem Arbeiter in Schwarz klappt es wieder zu.

„Was soll das?“ ruft das Mädchen empört.

„Es zieht“, sagt der Mann, „und das muss ich mir nicht gefallen lassen.“ Das geöffnete Fenster hat er längst wieder zugeknallt.

„Das Spiel können wir noch ganz lange spielen“, sagt das Mädchen drohend, stürzt zum Fenster und reißt es wieder auf.

„Meinetwegen!“ seine Stimme ist nicht weniger bedrohlich. Das Fenster schlägt er wieder zu, „ich kann nichts dazu, wenn Ihnen zu  warm ist.“

Schlag-Krach, sie hat das Fenster wieder aufgerissen.

„Mir ist nicht warm. Ich ertrage ihren Gestank nicht. Wenn Sie Leichenteile mit sich herumschleppen und die hier auch noch auspacken und essen, dann muss ich diesen Fäulnisgestank nicht ertragen. Ich könnte kotzen!“

„Dann kotzen Sie doch!“ Fenster zu. Nicht lange und es ist wieder auf.

Ich denke: Leichenteile? Fäulnisgestank? So weit entfernt von mir sitzt der Mensch doch gar nicht und ich rieche nichts.

Veddel

Es geht weiter, die Mitspielerzahl erhöht sich. Der Mann in Schwarz unter dem Fenster, der Mann neben mir, sie reißen das Fenster auf oder stoßen es wieder zu. Auch das junge Mädchen bleibt unermüdlich.

 Wilhelmsburg

 Das Fenster ist geöffnet. Alle sitzen auf ihren Plätzen. Eine kleine Band steigt ein. Drei junge Musiker. Sie stehen im Gang zwischen den Türen: eine Trompete, ein Keybord, ein kleine Trommel. ‚Give me more, give me more, give me more, more, more.‘ Ich singe innerlich begeistert mit. Gut spielen die Drei. Die Stimmung ist nun wie auf dem Hamburger Dom, auf dem ich schon ewig lange nicht mehr war. Meine Frage nach stinkenden Leichenteilen habe ich fröhlich vergessen.

 Harburg

Die Türen gehen auf, der Mann ‚mit den Leichenteilen‘ verlässt das Abteil. Die kleine Jazzband nach einer kurzen Geldsammelaktion ebenfalls. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, das Fenster geöffnet.

 Harburg Rathaus.

 Der Zug fährt weiter und plötzlich sagt das junge Mädchen hinter mir laut in Richtung des Mannes unter dem malträtierten Fenster: „Es tut mir leid, wenn ich sie so gestört habe. Aber da isst dieser Mann doch öffentlich im Zug Würstchen. Wer hält das aus. Diesen Leichengestank! Wenn er schon Fleisch isst, dann soll er das doch bitte zu Hause tun. Ich wollte Ihre Ruhe nicht stören. Das tut mir leid, entschuldigen Sie bitte.“

Der Arbeiter in Schwarz dreht sich zu ihr um und sagt in breitem Hamburgisch: „Ach, lassen Sie man. Das ist schon in Ordnung. Nach 12 Stunden Schicht kann einen nichts mehr umhauen.“

Dann ist es still. Der nächste Streckenabschnitt ist lang. Viel Gegend rutscht am Fenster vorbei. Die Frau mir gegenüber ist längst ausgestiegen. Der Mann neben mir ebenfalls.

Ich denke, der Arbeiter in Schwarz hat Nerven und das junge Mädchen hat sich immerhin entschuldigt.

Und da fällt mir ein, dass ich in New York als Hausaufgabe für meinen Kurs im Gotham Writers‘ Workshop einmal eine Geschichte als Hausaufgabe schreiben musste, die eavesdropping/ Lauschen zum Thema hatte. Überrascht stelle ich Übereinstimmungen zu dieser Fahrt fest und beschließe, dass ich die heutige S-Bahn Fahrt für meinen Blog auch aufschreiben werde.

Bei der abgelauschten Begebenheit auf dem Broadway hatte es sich interessanter Weise ebenfalls um ein junges Mädchen als Hauptakteurin gehandelt, das sich am Schluss höflich entschuldigt hatte. Bemerkenswerter Weise war es auch in New York um Tiere gegangen, aber um lebendige.

Neugraben

Und hier ist die kleine Begebenheit aus New York:

Elisabeth Scherf

26th May 2011

 

Walking along Broadway

I am walking along Broadway, being one in a crowd of fast walking people holding umbrellas over their heads. It is raining hard. I am longing for sunshine and admire the relaxed looking New Yorkers. I decide to learn from them. Shortly after having reached ’Trader Joe’s’ at 73rd street something drops from a shabby little brown card box, out of the hands of a girl, maybe she is 16.

“Nooooo!“, she screams.

            “Get it“,  a young man of about 18 orders her firmly but friendly.

He is carrying a huge backpack and a big shoulderbag. This young group could need a jolly good wash, I think. A third young man is with them. On his back hangs a guitar and in the front a huge bag. How nice: they are into music! He offers quickly,

            “I put it in my bag.“

            “No!“ the girl responds quickly and forbiddingly.

She clearly does not want this. The girl carries some  heavy luggage on her back too. I am impressed by her motherly caring gestures while she is kneeling down, catching her tiny injured limping sparrow and putting it with a soft cautious grip back into the just slightly closed box.  The little group walks on, having hardly stopped walking at all, while all this was going on.

The heavy loaded little group in dirty shades of dark blue, dark brown and dark grey continues its journey. Last thing I hear is the clear voice of the girl, taking in again the rest of the world beside her little treasured sparrow, saying to all of us,

“Excuse me!“

This touches my heart.