Simultantheater und Theatre of Simultaneous Perception (in Deutsch and in English)

Weltfrauen-Tag aber: Gleichheit ist undenkbar! (1)

Entweder-oder ist eine Binsenweisheit. Seine Struktur als Denkmuster ist die Zentralperspektive.

Augenpunkt, Fluchtpunkt, Rahmen des Ausschnitts und alles ist bereit für den begeisterten Ausruf in der Renaissance „Was für eine süße Sache ist die Perspektive“.

Die Zentralperspektive erweckt den Eindruck, dass sich die in einem Bild dargestellten Objekte so verhalten, wie sie es in der Realität tun würden. Alle Linien, die in die Tiefe des Raums gehen, verlaufen zu einem Fluchtpunkt, der an der Horizontlinie liegt.

„Mit den Begriffen Humanismus und Renaissance beziehen wir uns auf jene künstlerisch-literarischen Perioden – in gewisser Weise überschneiden sie sich -, die dem 15. und 16. Jahrhundert zugeschrieben werden können. In dieser Epoche in Italien wie in anderen europäischen Ländern ist man Teil einer umfassenden Neubewertung des Menschen, der im Gegensatz zum mittelalterlichen Denken zum Eckpfeiler des Universums wird. Der Mensch tritt an die Stelle Gottes, weil er sein eigenes Schicksal konstruieren, Natur und Geschichte kontrollieren kann, ohne auf göttliche Fürsprache zurückgreifen zu müssen. “ (Übersetzt von mir. Zitiert aus https://www.studenti.it/umanesimo-e-rinascimento-riassunto.html)

ESSERE UMANO – wie im Originaltext – bedeutet  „männliches Wesen“. Wie in fast allen Sprachen werden Frauen unter dem Wort Mann zusammengefasst: homme, man, uomo usw. Das deutsche Wort Mensch stammt aus dem Jiddischen. Was für eine wohltuende Ausnahme! Mensch meint nicht Mann oder Frau, sondern beides.

Gott wird in den Himmel entlassen. Auch die Natur ist zu vernachlässigen. Frauen als Teil der Natur werden „natürlich“  unwesentlich.

Wo kann man am besten zeigen wie man sich die Welt vorstellen und denken soll? Auf der Bühne! Im Theater!

Kein anderer als Niccolò Macchiavelli schrieb das erste Stück für diese Theaterform.  Ein Stück, in dem eine tugendhafte Frau durch ihre korrupte Mutter und ihren korrupten Beichtvater schließlich dem Fluchtpunkt willig wird. Dem Mann. Dem Held der Verschwörung.  
Da die Zentralperspektive auch die Konstruktionsform der Kamera ist, werden wir auch heute in Film und Fernsehen kontinuierlich mit der Realität der Zentralperspektive bombardiert. In Form von entweder-oder. Der unsichtbare Fokus dahinter ist immer der Mann.   
Frauen wollen Männern gleichgestellt sein. Innerhalb des Gedankenmusters der Zentralperspektive kann dies jedoch nur bedeuten, dass Männer ihren Machtplatz verlieren.  
Warum liegt mir dieses Thema so am Herzen?  
Während meines Theaterstudiums in London an der Central School of Speech and Drama hatte ich eine Vision von einer ganz anderen Art von Theater.
Camden, Kentish Town, Patshull Road; während ich duschte, sah ich plötzlich über dem abfließenden Wasser eine rotierende Plattform, in die zwei kleine rotierende Plattformen eingelassen waren. Ich wusste sofort, dass alles eine Theaterbühne bedeuten sollte. Ich sah, dass auf der großen Bühne ein Problem aufgetreten war und plötzlich dieselben Schauspieler gleichzeitig auf jeder der beiden kleinen Drehbühnen auftraten und dasselbe Problem auf zwei verschiedene Arten lösten - simultan.  Ich war beeindruckt und glücklich. Die Idee des Simultantheaters war geboren. 

Die Lösung in gleichzeitigen alternativen Prozessen zeigt Kontrast als Dimension. Ein neues Denkmuster wird provoziert: SOWOHL ALS AUCH. Männer verlieren ihre Position nicht und Frauen gewinnen sie. Gleichheit wird denkbar!

David Hockney hat in den frühen Achtzigern das Dilemma der Zentralperspektive erkannt und in dem Stuhl im anders dargestellt. Der Stuhl wird nach hinten nicht schmaler wie in der Zentralperspektive. Hockney hat argumentiert, dass der Mensch klein sei und der menschliche Blick in die Schöpfung Gottes sich dann unendlich weite. Mann, Frau und Natur ist alles EINE Schöpfung Gottes.

Das hat mich damals so begeistert, dass ich ihm geschrieben habe mit der Bitte, seinen Stuhl als Demonstration zeigen zu dürfen. Ich habe mich in der Anfrage Elis genannt und wie man auf dem Foto sieht habe ich  auch eine Antwort erhalten. So schön ist es, ein junger Mann mit einer Idee zu sein. Elis, nicht Elisabeth! Dann habe ich ihm, wie gewünscht, mein Konzept zugesandt — und nie wieder etwas von ihm gehört. Ich hatte mit Elisabeth unterzeichnet. Als Mann hätte ich vermutlich wenigstens eine Absage bekommen. – Das Thema liegt mir am Herzen, weil ich eine Frau bin!

IN ENGLISH

World Women’s Day  but: equality is unimagenable! (1)

Either-or’ is a well known truism. Its structure as a thinking pattern is the Central Perspective.

Eye point,vanishing point, the frame of the cut-out and everything is ready for the enthusiastic exclamation in the Renaissance „What a sweet thing is the perspective“.

The central perspective creates the impression that the objects depicted in an image behave like they would in reality. All lines that go into the depth of the room run towards a vanishing point that lies on the horizon line.

“With the terms Humanism and Renaissance we refer to those artistic-literary periods – in a way they overlap – that can be attributed to the 15th and 16th centuries. In this epoch in Italy like in other European countries, one is part of a substantial reassessment of man who, in total contrast to medieval thinking, becomes the cornerstone of the universe. Man takes the place of God, namely because he can construct his own destiny, control nature and history without having to fall back on divine intercession.” (Translated by me. Quoted from https://www.studenti.it/umanesimo-e-rinascimento-riassunto.html)

ESSERE UMANO – as in the oiginal text – translates into “male being”. As in almost all languages, women are subsumed under the word man: homme, man, uomo etc. The German word Mensch comes from Yiddish. What a wonderful exception! Mensch is neither man nor woman, but both.    

God is released into heaven. Nature too is to be neglected. Women as part of Nature are ‘naturally’ out of focus.  

Where can you best show the way how to imagine and think? When performing! On stage! In the theatre!
None other than Niccolò Macchiavelli wrote the first play for this form of theatre. A play in which a virtuous woman, through her corrupt mother and her corrupt confessor, finally becomes willing to the vanishing-point. The man. The hero of the plot. 
Since the central perspective is also the construction form of the camera we are today continuously bombarded in films and television with the reality of the central perspective. In the form of either-or.  
Women want to be ​​equal to men. But within the thought pattern of the central perspective this can only mean for men to loose their place of power.  
 

Why is this argument so dear to me?

During my graduate theater studies in London at Central School of Speech and Drama I had a vision of a completely different kind of theatre.

Camden, Kentish Town, Patshull Road; I was taking a shower  and suddenly to my feet over the draining water I saw a rotating platform into which two small rotating platforms were incorporated. I knew immediately this ment a theatre stage.

I saw a problem had arisen on the big stage and the very same actors suddenly appeared at the same time on each of the two small revolving stages and solved the same problem in two different ways – simultaneously.

I was impressed and happy. The idea of ’Theater of Simultaneous Perception’ was born.   

The solution in alternative processes shows contrast as a  dimension. It provokes a new possible thinking pattern: As WELL AS. Men do not loose their position amd Women get it too. Equality is conceivable!  

David Hockney recognized the dilemma of the central perspective in the early eighties and depicted it in a chair in reverse perspective. The chair does not become smaller backwards which is the way of the central perspective. Hockney argued that man is small and that the human gaze into God’s creation in this way of representation expands indefinitely.

Man, woman and nature are all creations of God.  At that time I was so enthusiastic that I wrote to Hockney asking him to be allowed to show his chair as a demonstration of my Simultaneous Theatre. I called myself Elis and, as you can see in the photo I received an answer. It’s so nice to be a young man with an idea. Elis, not Elisabeth! Then, as requested, I sent him my concept – and never heard from him again. I had signed with Elisabeth. As a man, I would possibly at least have had a rejection. 

My being a woman makes the subject also dear to me!



 

Ein Besuch im Simultantheater (4)

Hamburg hat das erste Simultantheater-Haus. Die gläserne Kuppel glitzert in der Sonne.

Manche gehen besonders gern in die Matinee-Vorstellung. Immer noch ist es ungewohnt ein Theaterstück unter der Beleuchtung der Sonne zu sehen.

Fast wie im Antiken Griechenland. Die Zuschauer haben damals im Amphitheater ihren Platz eingenommen bevor die Sonne aufging. Die Sonne war der große Scheinwerfer: das Stück konnte beginnen. Das Licht der Erkenntnis strahlte über alle.

Auch im Simultantheater hat es seinen besonderen Charme im Licht der Sonne auf den   Amphitheater-Plätzen rings herum Platz zu nehmen und auf die große Drehbühne hinunter zu sehen.

Spannend ist der Anfang des Stückes. Auf der sich sehr langsam drehenden Bühne wird die Ausgangssituation dargestellt. Das Problem ist nicht gleich klar. Wer von den dargestellten Personen wird irgendwann nicht wie angenommen weiteragieren? Wo ist die Zäsur?  Derjenige, der eine andere Richtung einschlagen will, wird gedoppelt, hat ein zweites Ich auf der zweiten kleinen Drehbühne.

Die beiden in die große Drehbühne eingelassenen kleineren Drehbühnen setzen sich langsam in Bewegung. Die große Drehbühne dreht sich weiter langsam in entgegengesetzter  Richtung. Gleichzeitig verfolgt man nun die zwei Möglichkeiten eine Situation zu leben. Wie eine Einübung in persönliche Freiheit.

Die Schauspieler spielen immer zum Publikum, egal wie sie sich drehen und wenden.

Die Körpersprache der Schauspieler ist frei. Die Bühnen drehen sich und so spielen sie nicht aus einem Rahmen heraus.

Manche Simultantheater-Besucher lieben besonders den Moment, wenn ein neuer Darsteller auf die Bühne kommt und alle Spieler bewegungslos einfrieren. Wie Skulpturen stehen sie mitten in ihren Bewegungen eingefroren da! Gelassen hat man Zeit sie zu betrachten.  

Keiner wundert sich, dass die beiden gleichzeitig agierenden und sprechenden Darsteller tadellos zu verstehen sind. Vielleicht hätte man das früher nicht so einfach aufnehmen können? Man sieht ja kein neues Problem, sondern lediglich eine andere Möglichkeit desselben.

Viele Zuschauer haben während der Aufführung sogar schon eine weitere Möglichkeit in petto. Zu schön, wie viel Auswahl wir Menschen haben und oft nicht sehen und leben. Nicht entweder-oder, sondern sowohl-als auch.

Kontrast ist das Spannungsmittel dieser Theaterstücke. Ist es auf der einen Bühne angenehmer, neigt der Zuschauer selber auch zu  dieser Lösung. Dann aber scheinen beide Leben gut. Was nun mit den Emotionen? Gibt es das? Beides ist gut? Da bleibt das Urteilen auf der Strecke. Dann ist es plötzlich auf der ursprünglich negativeren kleinen Drehbühne viel besser. Schon bekommen wir etwas Abstand zum Geschehen. Man ist schließlich kein Blatt im Wind. Und als beide Bühnen keinen Grund zur Freude zeigen entwickelt man plötzlich Empathie. Ja, so sind wir Menschen! Diese Kontraste produzieren neue Gefühle!

David Hockney – ein anderer Blick auf die Welt (3)

David Hockney „Stuhl aus dem Jardin du Luxembourg“

In diesem „Stuhl aus dem Jardin du Luxembourg“  von David Hockney ist das Umdenken von  der Vorstellung Zentralperspektiven-Zwangsjacke zur Vorstellung des offenen Blickes für die ganze Schöpfung repräsentiert.

Ein Fotoapparat – die Zentralperspektive schlechthin: der Fotografierende=Augenpunkt, der Apparat in die Richtung des zu Fotografierten=Rahmen, das Scharfgestellte=Fluchtpunkt, hätte den Sitz des Stuhles ganz anders gezeigt. Der Stuhl wäre uns vorn wirklichkeitsgetreu erschienen. Das entspricht dem Rahmen. Dann hätte die Perspektivmaschine Kamera den Sitz des Stuhles nach hinten schmaler gemacht. Ganz im Sinne des Fluchtpunktes.

David Hockney hat das in der Jahreswechselausgabe der VOGUE 1986 (?) so gesehen, dass der Mensch die Augen öffnet und SIEHT – und Gottes Schöpfung unermesslich groß ist. Die Wahrnehmung verengt sich nicht auf einn Punkt, sondern der Blick wird weit.

Ziemlich erfolgreich und folgenschwer hatte die Männerbewegung des „Umanesimo“, mit der Zentralperspektive Natur und Frau unwesentlich und für eigene Zwecke benutzbar gemacht.

Nun ist das allerdings keineswegs für jeden Mann ein Grund zum Jubeln! Ein Mann besitzt zwar das einzig möglich DENKWÜRDIGE menschliche Geschlecht, aber Maschinen haben ihren eigenen unerbittlichen Mechanismus: Jeder Mann, der nicht dem Ideal des zentralperspektivischen Fluchtpunktes entspricht – einzig, mächtig und strahlend – muss sich als defizitär erleben. Der einzige Trost, der ihm immer wieder bleibt ist der, dass er wenigstens keine Frau ist.

Der erste philosophische Zentralperspektiven-Spezialist Niccolò Macchiavelli hat die Fadenzieh-Vermessungstechnik in seinem bis heute wahren Anleitungsbuch der Macht geschrieben. „Der Fürst“ heißt das Buch. Der Fürst, im Kleinstaatenland Italien, DER prächtige Alleinherrscher. Er ist der ideale Fluchtpunkt, das Ideal des Fluchtpunktes. Im Kleinstaatenland Deutschland kam diese Form – perfekt durch Albrecht Dürer vermittelt – sehr gut an.

Macchiavelli wusste auch, durch welches Medium diese Sichtanordnung der Welt perfekt und ohne Nennung der Strippenziehung zu vermittelt war: durch das Theater!

Quantenphysik + ein neues Wort: disruptiv (2)

Das Adjektiv disruptiv bedeutet „etwas Bestehendes auflösend oder zerstörend“.

Der Begriff wird vor allem im Zusammenhang mit Innovationen und Forschung verwendet. Eine „disruptive Technologie“ ist eine neu aufgekommene Technik, die eine alte obsolet* macht und damit völlig ablöst oder weitestgehend verdrängt. Beispielsweise hat das Auto die Kutsche verdrängt, das Smartphone hat andere Mobiltelefone sowie zahlreiche weitere elektronische Geräte abgelöst und die Digitalkamera hat die Fotofilmindustrie schwer getroffen.

*Als obsolet bezeichnet man im Deutschen Dinge,  Ideen, Anschauungen und ähnliches, wenn sie überholt und nicht mehr üblich sind. Obsolet ist also alles, was durch Neues ersetzt und damit überflüssig geworden ist. (zitiert http://www.neues wort.de)

So disruptiv die Quantenphysik für das Grundlagenverständnis der Wirklichkeit in der Physik, so disruptiv ist die Vorstellung des Simultantheaters für das, was wir assoziieren, wenn wir das Wort Theater hören.

Simultantheater: Dasselbe entwickelt sich gleichzeitig  in zwei Möglichkeiten. In der Folge der Vorstellungsfähigkeit jedes Einzelnen, was bis jetzt als Ver-zwei-flung hier als Kontrast der eigenen Möglichkeiten zu erfahren.

In de Quantenphysik vielleicht so:

Zwei Quantenphysiker an zwei unterschiedlichen Orten am Telefon. Beide bester Stimmung. Das ist nicht ihre erste Untersuchung eines Quants. Sie haben jeder ein – ihr – Ergebnis gehabt.

Physiker A: Jetzt gucken wir uns dieses winzige kleinste Teilchen unserer großen Wirklichkeit, das Quant, mal ganz genau an, mein Lieber! Es ist ein Teilchen, sage ich dir!

(A. denkt nicht nur, sondern hat bereits ein Ergebnis gehabt: die Beschaffenheit ist ein Teilchen.

Physiker B: Haha, das machen wir! Ich weiß bereits, dass es eine Welle ist.

(B. andere denkt nicht nur, sondern hat wiederholt das Ergebnis gehabt: die Beschaffenheit ist eine Welle.)

 A. + B.: Einer nur kann Recht haben!“ (Beide sind sich ihres Sieges sicher, denn entweder-oder. So war es immer schon.)  

Aber das Quant ist nicht an sich ein Ding, sondern – ÜBERRASCHUNG – durch die Erwartung des Untersuchenden nimmt es die Gestalt an, die der Untersuchende erwartet: für den Teilchen-Überzeugten wird es zum Teilchen, für den Welle-Überzeugten wird es zur Welle. Sowohl-als auch! A. findet, was er  gedacht hat, B. findet auch was er gedacht hat.

Das ist so unglaublich und unvorstellbar, dass bei allem Geschrei über Quantencomputer und ihre alles überragenden Eigenschaften und Möglichkeiten dieses Moment hinten runter fällt: Die Gedanken der Untersuchenden haben Wirklichkeit erzeugt.

Gedanken erzeugen die kleinsten Bausteine der Welt! Oder: Was wir erwartend denken, ist für unsere Wirklichkeit fundamental. Das ist disruptiv!

Dasselbe so und anders.

In diese neue Welt  als Vorstellung von Wirklichkeit gehört mein Simultantheater. Dieses Theater ist nicht in Bau, Bühne und Zuschauerraum größer und schöner und so weiter, sondern total anders.

Wie anders? Es gibt bisher kein Gebäude, das ein Simultantheater beherbergen könnte und es gibt auch keine Theaterstücke dafür. Bis auf die, die ich selbst – oder mit dem  Hamburger Richtertheater zusammen – geschrieben habe.

Das ist für mich das Kriterium: Die äußere Form und der in ihr dargestellte Inhalt entsprechen sich. Für das Fürstentheater aus der Renaissance, das bis heute in Bau und Inhalt als  Bürgertheater übernommen wurde, schrieb Niccoló Macchiavelli das erste Theaterstück. Die Aussage der bürgerlichen Theaterform ist das heimliche Versprechen der Individualität. Jeder Mann kann zum Fluchtpunkt, dem Fürst, werden. Jederman, was die Frauen mit einschließt, eher nicht: das geht nur in der Operette mit der lustigen Witwe.

Das Simultantheater muss ein Rundbau sein, in dem das Publikum im Kreis um die Bühne amphitheater-mäßig sitzt und auf das Bühnengeschehen hinunter sieht. Die runde Bühne dreht sich langsam in eine Richtung. Das bedeutet, die Schauspieler müssen nicht darauf achten, dass sie dem Publikum den Rücken zukehren. Sie spielen nicht aus einem Bilderrahmen. Wenn das Theaterstück einen Krisenpunkt, erscheinen auf zwei kleineren Drehbühnen, die in große Drehbühne eingebaut sind und sich in Gegenrichtung drehen, die Personen des Stückes in doppelter Ausführung. Die Praxis hat gezeigt, dass schon wenige Indizien (Kostüm + Maske) dem Publikum klarmachen, dass es sich um dieselbe Person handelt.

Anekdote

Die 10. Klassen Schüler meines Theaterkurses wollten irgendwann „endlich“ einmal in meiner neuen Theaterform ein Stück improvisieren. Ich hatte mich immer sehr zurückgehalten, wollte mit meinen Ideen nicht „nerven“. Entstanden ist dieses Stück, das vor den großen Ferien vor der Schulgemeinde ab 8. Klassen vorgeführt wurde. Natürlich noch in der einzigen Bühne, die wir hatten, aber eingeteilt in rechte Bühnenhälfte und linke Bühnenhälfte.

Wenn ich das jetzt beschreibe, kann ich die beiden Geschehen nur nacheinander berichten, aber vorstellen muss man es sich gleichzeitig – was den besonderen Witz und neue Gefühle produzierte.

Sowohl auf der rechten als auch auf der linken Hälfte der Bühne sieht man einen Vater, der vorbildlich die Feriengarderobe von Mutter und Kind in den Koffer faltet. Sie reden rechts und links dasselbe, was man so vor Ferienbeginn sagt: Mallorca, Hotel, Wetter.

Hinter den Zuschauern kommt zweimal dieselbe Sekretärin des Vaters im Trenchcoat – glücklicherweise gab es zwei im Fundus! – in Richtung Bühne und sagt auch rechts und links gleichzeitig Folgendes:

Sekretärin: Jetzt fährt der schon wieder mit seiner Frau in die Ferien! Jetzt reicht es mir. Heute fällt die Entscheidung!“

Sie kommt gleichzeitig auf der Bühne an, klingelt. Auf beiden Seiten öffnet die Frau mit dem neugierig interessierten Kind hinter ihr, das sofort auf beiden Seiten ruft:

Kind: Oh, Tante Monika, gehen wir wieder ein Eis essen?

Sekretärin (erregt schluchzend): Ich bin die Geliebte ihres Mannes. Seit 10 Jahren die Geliebte ihres Mannes!

(Da erscheint der Mann hinter dem Kind.)

Vater: Monika, was willst du denn hier?

Sekretärin: Jetzt ist Schluss mit dem Theater, Bernhard. Jedes Jahr versprichst…. (das Übliche)

Kind (begeistert); Tante Monika!

Mutter links: Was, du hast eine Geliebte?  Mutter rechts: Deine Sekretärin deine Geliebte!

Vater links: Was redest du da.             Vater rechts: Was redest du da?

Kind links Wir fahren in die Ferien.             Kind rechts: Wir fahren nach Mallorca!

Sekretärin: Entscheide dich jetzt.          Sekretärin rechts: Entscheide dich!

Vater: Zerstöre nicht mein Leben.         Vater: Zerstöre nicht mein Leben.

Mutter:  10 Jahre!                                   Mutter rechts: Moment mal. Du hast eine Geliebte!

Links beginnt die Mutter zu schluchzen, ihr Mann umarmt sie zärtlich. Da zieht Sekretärin einen Revolver aus der Trenchcoat-Tasche und erschießt erst den Vater, dann die Mutter, dann sich. Nach jedem Schuss ruft das Kind den Namen des zur Erde Fallenden: Papa!, Mama!, Tante Monika!

Rechts geht die Mutter nach hinten in den Raum, nimmt eine Handtasche, eine Jacke und einen Schlüssel und wendet sich freundlich an die verblüffte Sekretärin.

Mutter rechts: 10 Jahre schon. Da hätten sie wirklich früher kommen sollen. Das Kind kennen sie, hier sind die Autoschlüssel, gepackt ist fast. Meine Sachen im Koffer sind für Sie oder wen auch immer. Ich habe die Kreditkarte hier. Ich komme zurecht. Schöne Ferien!

Da sich das gleichzeitig abspielt, hört man hier auch das Kind rufen: Papa!, Tante Monika! Und lauter Mama, Mama.

Das Stück war ein rasanter Erfolg mit viel Gelächter.

Heute Weltfrauentag, aber: Gleichberechtigung ist nicht denkbar! (1)

‚Entweder-oder’ ist unsere Binsenwahrheit. Als vermessene Struktur hat dies die Zentralperspektive als Denk-Vorbild zementiert. Augenpunkt – Fluchtpunkt, ein Rahmen, der den Ausschnitt begrenzt und fertig ist alles für den begeisterten Ausruf aus der Renaissance „Was ist die Perspektive für ein süßes Ding“.

„Mithilfe der Zentralperspektive entsteht der Eindruck, als würden sich die dargestellten Objekte eines Bildes so verhalten, wie sie es auch unter Sehbedingungen in der Wirklichkeit tun würden. Dabei verlaufen sämtliche Linien, die in die Tiefe des Raumes gehen, auf einen Fluchtpunkt zu, der auf der Horizontlinie liegt.“ (zitiert aus Wikipedia unter dem Stichwort Zentralperspektive)

„Con i termini Umanesimo e Rinascimento indichiamo quei periodi artistico-letterari, in un certo senso sovrapponibili, ascrivibili ai secoli XV e XVI. In questa epoca, in Italia come negli altri paesi dell’Europa occidentale, si assiste ad una sostanziale rivalutazione dell’essere umano che, in totale contrasto con il pensiero medievale, viene considerato il cardine dell’Universo. L’uomo prende il posto di Dio, dunque, in quanto capace di costruire da sé il proprio destino, di dominare la natura e di storia senza dover ricorrere rendersi protagonista della all’intercessione divina. (zitiert aus https://www.studenti.it/umanesimo-e-rinascimento-riassunto.html)

„Mit den Begriffen Humanismus und Renaissance bezeichnen wir jene künstlerisch-literarischen Perioden – in gewisser Weise überlagern sie sich – die dem 15. und 16. Jahrhundert zuzuschreiben sind. In dieser Epoche ist man in Italien wie in anderen europäischen Ländern Teil einer substanziellen Neubewertung des Menschen, der, im totalen Kontrast zum mittelalterlichen Denken, zum Eckpfeiler des Universums wird. Der Mann  nimmt den Platz Gottes,  ein und zwar weil er sein Schicksal selbst konstruieren/bauen, die Natur und die Geschichte beherrschen kann ohne auf göttliche Fürsprache zurückfallen zu müssen.“ (übersetzt und von mir)

ESSERE UMANO = Mensch, aber UOMO = Mann. Wie in fast allen Sprachen wird Frau unter dem Wort Mann  subsumiert: homme, man, uomo etc. Das deutsche Wort Mensch, das aus dem Jiddischen kommt, ist eine wohltuende Ausnahme.  In der Vorstellungsform der Perspektive ist die Frau als Mensch nicht repräsentiert. Klarer Maskulismus. Nein, keine Not für einen –ismus, denn die andere Ausgabe des Menschen, die Frau, ist aus dem Vorstellen und Denken gelöscht.

Klar, das war eine große Freude: man glaubte und empfand die Wirklichkeit realistisch repräsentieren zu können und Gott wurde in den Himmel entlassen. man kam nun –Dankeschön! – ohne ihn zurecht. Man heißt tatsächlich der Mann. Denn die männliche Ausgabe des Menschen hatte gleichzeitig mit Gott auch Frau und Natur aus dem Fokus genommen.

Wie und wo kann man Vorstellen und Denken am besten zeigen?  Beim öffentlichen Darstellen und Erörtern auf der Bühne.

Kein Geringerer als Macchiavelli hat für die betörende Form der Zentralperspektive das erste Theaterstück geschrieben. Ein Stück, in dem eine tugendhafte Frau durch ihre korrumpierte Mutter und ihren korrumpierten Beichtvater schließlich dem Fluchtpunkt-Mann, dem Held des Plots, willig wird. Mutter und Priester sind die inhaltlichen Linien, die zum konstruierten inhaltlichen Fluchtpunkt führen.

Die Zentralperspektive wird die Konstruktion für bauliche und inhaltliche Form. Da die Zentralperspektive auch die Konstruktionsform der Kamera ist und alle bürgerlichen Bühnen weiterhin die zentralperspektivische Bühnenform des Fürsten haben, werden wir alle mit dieser Form, in der nur einer, der Mann, der Fluchtpunkt sein kann, ununterbrochen in Filmen und Fernsehen bombardiert. Bombardiert heißt: alle Denkvorgänge sind nur denkbar im Sinne von entweder-oder.

Folglich ist es kein Wunder, dass Gleichberechtigung nicht vorstellbar, nicht denkbar ist. Nur einer kann den Fluchtpunkt bedeuten. So kann die Vorstellung von Gleichberechtigung nur zur Vorstellung des totalen Verlust des Mannes, der alleinigen Männer-Macht sein. Diesen einzigen Punkt will die Frau nun einnehmen?!? Wir, die Männer, sollen nicht nur die zweite Reihe, sondern als Hauptwesen verschwinden?

Interessant, dass mit den Frauen die Natur ebenso zur Verfügungsmasse ohne eigene Rechte wurde. Das dramatische Ergebnis für Mutter Erde, unseren Planeten sehen wir täglich deutlicher.

Warum ist gerade mir dieser Sachverhalt so klar?

Weil ich während meines Graduierten-Theaterstudiums in London eine Vision von einer vollkommen anderen Theaterform hatte. Erst im Nachhinein habe ich langsam begriffen, wie grundsätzlich neu und anders war, was ich da rechts neben meinen Füßen gesehen hatte.

Das war damals so: Ich stand in Kentish Town/Camden in der Patshull Road unter der Dusche und habe plötzlich  über dem abfließenden Wasser eine Vision gehabt: eine Drehbühne habe ich gesehen, in die zwei kleine Drehbühnen eingearbeitet waren. Auf der großen Bühne war ein Problem aufgetreten und da waren diesselben Darsteller plötzlich zweimal anwesend und haben auf den kleinen Drehbühnen jeweils das eine Problem gleichzeitig in zwei ihrer Persönlichkeit entsprechenden Möglichkeiten weitergespielt, gelebt und gelöst. Ich war beeindruckt und beglückt und habe alles schnell aufgeschrieben. ‚Theatre of Simultaneous  Perception’ Theater der simultanen Wahrnehmung’ habe ich diese Theaterform in London genannt. In Deutschland dann Simultantheater.

Wieso dasselbe in doppelter Erscheinung in alternativen Lösungsverläufen als Faszination den Kontrast als erstrebenswerte Dimension vor Augen führt, ein SOWOHL-ALS AUCH als neue Vorstellungsdenkform provoziert, das werde ich in meinem nächsten Blog (2) schreiben.

In dieser Vorstellung wird Gleichberechtigung denkbar!

David Hockney hat in den frühen Achtzigern das Dilemma der Zentralperspektive erkannt und in dem Stuhl (aus dem Jardin de Luxembourg, ich habe in der Zeit ein Jahr in Paris gelebt) in umgekehrter Perspektive, also mit normalem Blick abgebildet. Er hat auch argumentiert, dass der Mensch klein sei und der menschliche Blick in die Schöpfung Gottes sich dann unendlich weite. Mann, Frau und Natur = alles eine Schöpfung Gottes.

Das hat mich damals so begeistert, dass ich ihm geschrieben habe mit der Bitte, seinen Stuhl als Demonstration zeigen zu dürfen Ich habe mich da Elis genannt und wie man auf dem Foto sieht, auch eine Antwort erhalten. So schön ist es, ein junger Mann mit einer enormen Idee zu sein. Elis, nicht Elisabeth! Dann habe ich ihm, wie gewünscht, mein Konzept zugesandt — und nie wieder etwas von ihm gehört. Ich hatte mit Elisabeth unterzeichnet. Eine Frau!!! Ach du liebe Zeit! Als Mann hätte ich bestimmt wenigstens eine Absage bekommen.

Neben dem Stuhl sieht man ein kleines Simultantheater Modell, das Philine mir während meines Jahres in Rom gebastelt hat.

P.S. Zufällig habe ich gestern, am Sonnabend, den 7.3.20 auf Phoenix den Dokumentarfilm „Insel der Frauen“ gesehen. Gleichberechtigung besteht in wenigen Ecken der Erde! (?) Sehr interessant wie männliche und weibliche Macht verteilt sind.

 

 

 

So’n richtig hamburgischer Geburtstag

Dienstag bin ich 81 geworden. Kann ich nur empfehlen. Ich muss immer an Wilhelm Busch denken bei der Nennung von Geburtstagszahlen über 70. „Die haben alles hinter sich und sind, gottlob! recht tugendlich!“ Hier das die Gesamtsituation im Original:

Die fromme Helene
Zweites Kapitel DES ONKELS NACHTHEMD
»Helene!« – sprach der Onkel Nolte –
»Was ich schon immer sagen wollte!
Ich warne dich als Mensch und Christ:
Oh, hüte dich vor allem Bösen!
Es macht Pläsier, wenn man es ist,
Es macht Verdruß, wenn man’s gewesen!«
»Ja, leider!« – sprach die milde Tante –
»So ging es vielen, die ich kannte!
Drum soll ein Kind die weisen Lehren
Der alten Leute hochverehren!
Die haben alles hinter sich
Und sind, gottlob! recht tugendlich!
Und gute Nacht! Es ist schon späte!
Und, gutes Lenchen, bete!, bete!«

Feiern – so mit FreundInnen und so – will ich nicht mehr, aber den Tag markieren. Da ist es natürlich sehr schön (sehr!), wenn man einen Partner hat, der alles mitmacht. Ich hatte 2 Programme, eines für Regen, eines für Sonne. Mit gutem Wetter konnte man kaum rechnen, die Wetterfront war eine sehr s-teife, nicht endenwollende regnerische Brise.

Aber, Überraschung! die Sonne schien. Also Plan A. Der war so: mit dem Bus nach Teufelsbrück, zu Fuß zum Jenischpark, intensiver langer Spaziergang und dann in der Dübelsbrücker Kajüte eine deftiges Fischgericht zu Mittag. Weiter zum Hirschpark und in Witthüs Teestuben „Qualle auf Sand“ zum Kaffeetrinken probieren. Also zum Bus. Aber Hamburg war letzten Dienstag von Uhlenhorst aus hoffnungslos verstopft. Unser Bus konnte noch den Bus davor stehen sehen. Allerdings schien in die andere Richtung die Fahrt frei. Mit der Seniorenkarte Großraum kann man sich wunderbar frei und ohne Extrakosten in Hamburg bewegen. Wie also raus aus dem Bus, in den Bus zur Mundsburg, in die U3. Aber der Bus von der Innenstadt musste immer noch auf Straßen fahren und die sind verstopft, habe ich gedacht. Da hatte ich die leuchtende Idee: Wasserwege! Landungsbrücken raus und mit dem Schiff nach Teufelsbrück. Diese patente Lösung ist wohl nur in Hamburg möglich? Gesagt getan.

Kleine Zwischenbeobachtung: in der U-Bahn saßen zwei völlig übermüdete junge Männer. Der eine sackte in sich zusammen, der andere legte sich auf die drei Quersitze, die es neuerdings in unserer U-Bahn gibt. Hier:

wohlerzogen stehen die Schuhe unter dem „Sofa“. Sogar einen Anorak hatte er noch unter seine besockten Füße gelegt. Da kann man doch nicht meckern, oder?

Mit der Fähre 62 nach Finkenwerder sollten wir umsteigen, um nach Teufelsbrück zu kommen. Die Fähre 64 hält eine Weile in Finkenwerder und setzt dann den Weg nach Teufelsbrück fort. Da ist mir mein folgender Lehrer-Albtraum wieder eingefallen. Klassenausflug, Fähre 64, Zwischenaufenthalt in Finkenwerder, viele SchülerInnen verschwinden kurz vom Schiff, um sich im Imbiss – der ist immer noch dort! – Süßigkeiten, Getränke und Pommes zu kaufen. Da legt das Schiff zur Weiterfahrt plötzlich wieder ab. Ich werde bleich: unten rennen MEINE SchülerInnen zum Anleger. Glücklicherweise bereits 9. Klasse:“Frau Scherf, machen Sie sich keine Gedanken, wir nehmen die nächste Fähre. Aber nehmen Sie unsere Rucksäcke mit von Bord!!!“ Horror für einen Lehrer: unbeaufsichtigte Schüler!!! Das geht ja gar nicht. Ist aber alles gut gegangen.

Da fällt mir gleich noch eine schlimme Situation ein. Sylt. Klassenausflug mit einer 4. Klasse. Ich hatte ein einziges Mal eine Grundschulklasse, weil alle LehrerInnen Angst vor diesen Eppendorfer Eltern hatten – und dabei waren die und die Kinder entzückend!!! Wanderung mit Lunchpaket. Ein Mann weist mir einen Weg, den ich offensichtlich falsch interpretiert habe. Viel zu spät stelle ich fest, dass wir hier auf keinen Fall gehen dürfen. Ich sage: „Kinder, wir sind durch meine Schuld in einer ganz schrecklichen Situation. Hier dürfen wir überhaupt nicht gehen. Wir müssen den Schaden nun begrenzt halten. Ihr müsst alle im Gänsemarsch laufen, sanft auftreten und keinen Schritt zur Seite tun. Könnt ihr das?“ Ernstes Nicken und Bejahen. Es war eine lange Strecke zu gehen, aber ich habe selten einen so disziplinierten schweigsamen Marsch von so jungen Kindern gesehen. Ich habe mich natürlich mit Negerküssen, die man ja nicht mehr so nennen darf, obwohl die Bezeichnung ein NUR – im Sinne von ausschließlich – positives Bild produziert – bedankt.

Auf dem Schiff hatten wir dann Hunger und haben nach Restaurants in Finkenwerder gegoogelt und gefunden. Kleiner Fußweg, die Sonne scheint immer noch, man kann das ganze gegenüber liegende Hamburger Ufer mit Bebauung sehen. Hamburg ist wunderschön.

sogar ein Regenbogen zeigt sich zur Feier des Tages?
Hamburg, meine Perle

Gutes Essen in gepflegtem Ambiente. Sehr geburtstaglich! Zurück zum Anleger. Wir müssten warten. Aber da steht eine Fähre nach Blankenese. Warum nicht nach Blankenese? Auch gut! Kaum hat Rainer den letzten Fuß aufs Schiff gesetzt, düsen wir los. Wir sind so angenehm gesättigt, dass wir in Blankenese gleich den kleinen Bus zur S-Bahn nehmen. Also nicht Kaffee trinken. Der Himmel hat sich bewölkt, es nieselt auch schon. Nun greift Plan B. Der war: Frühstücksbuffet und Kunsthalle. Also jetzt Kunsthalle.

Natürlich Tiepolo – so ein haptisch schönes Wort für die Lippen, finde ich.

Als ich klein war, habe ich immer sehr gern ‚Babykosmetik‘ gesagt, weil ich das so schön für die Lippen fand. Eine von meinen 4 älteren Schwestern oder mein einziger auch älterer Bruder wollten dann wissen, ob ich kenne, was ich da immer sage. Kannte ich nicht, aber das Wort war so schön zu sprechen.

Also Tiepolo, Fragonard und Goya. Wie man am Foto sieht, waren wir da nicht lange. Im Untergeschoss und ziemlich dunkel – zum Schutz der Zeichnungen! – und nur wenig Ölgemälde der besagten Künstler. Allerdings sind die kühnen Pinselstriche von Fragonard höchst beeindruckend. Wir waren dann auch in anderen Abteilungen.

Rainer zu Runge strebend, weil er vor einem Runge-Bild mit dem
Orchester des Albert-Schweitzer-Gymnasiums zum ersten Mal öffentlich Cello gespielt hat.

Kaffee dann nicht in der Kunsthalle. Das Café hat den Charme einer Molkerei. Da mag ich nicht sitzen. Und schon gar nicht an meinem Geburtstag. Im Levantehaus ist ein nettes kleines Café mit köstlichen Tartes. Zu Hause habe ich mich dann über meinen wunderschönen Geburtstagsstrauß gefreut, der morgens vor meinem Bett stand, auf dem Rainer mit Gitarre saß und mir ein Ständchen gebracht hat. Was für ein schöner hamburgischer Geburtstag.

Handwerk hat goldenen Boden

bei Beleuchtung fotografiert

Wunderschöne Stühle von „Bornhold“, geerbt von Rainers Mutter, aber nun waren sie – schon einmal neu bezogen – wieder einmal völlig durchgeschlissen. Ich habe mir die Stühle angesehen und gedacht: das machen wir selber!

bei Beleuchtung fotografiert

Also bin ich letzten Sonnabend gezielt zu einem originellen Polsterer in Eppendorf gefahren und habe in dessen Überbleibsel-Korb nach vier „Abfällen“ gesucht. Begeistert hat mich ein großes Stück Stoff für einen Louis Quinze Sessel erfunden und gewebt: eine Hälfte für die Sitzfläche, die andere für die Rückenlehne.

bei Tageslicht fotografiert

Ich war begeistert und habe dazu zwei weiter schöne Stoffe-Muster gefunden, die anders waren, aber meiner Meinung nach gut zueinander passen. Für alle Reste habe ich nur € 70 bezahlt. Freude!!!

bei Tageslicht fotografiert

Die größte Arbeit – und die hat Rainer vollbracht – war die Ablösung des zerschlissenen Stoffes. So eine Kraftanstrengung! Nach getaner Arbeit waren wir begeistert! Wenn wir jetzt Streichquartett spielen, stehen diese Stühle vor unseren Notenpulten:

unser Stuhlquartett

Den Refektoriumstisch habe ich übrigens in England 1978 gekauft, in dem schlimmern Jahr, in dem in London entsetzlich viel gestreikt wurde. Die Antiquitätenpreise fielen und ich erfuhr gleichzeitig, dass meine Stipendium vorher nicht den Auslandszuschlag enthalten hatte und nun wie ein Geldsegen auf mich regnete. Das war das Jahr an der Royal Central School of Speech and Drama. Ein großes wesentliches Geschenk, das mein weiteres Leben enorm geprägt hat.

Der rote Teppich ist ein Zeuge der Auswirkungen dieses Studiums: er stammt aus dem Nachlass der Requisiten für das Simultantheater-Stück „Ein Jud in Hechingen“ (von Walter Jens)„Paul Levi – Ein Jurist verlässt Deutschland“ (von Elisabeth Scherf, also mir), das ich mit dem Hamburger Richtertheater inszeniert habe.

Wir sind bereichert. Immer wieder gehe ich ins Wohnzimmer und erfreue mich an der getanen Arbeit. So schöne Stoffe haben künstlerische, mit der Hand werkende Menschen geschaffen. Danke! Unsere Hände waren nach getaner Arbeit angestrengt, aber fest stand: Handwerk hat goldenen Boden.

„Une belle allemande“ nennen die Franzosen eine Top-Küche

Wir haben eine neue Küche. Wunderschön! Mehr Platz in der Küche, weil wir auf die Spülmaschine verzichtet haben und sich die Abtropf-Vorrichtung, wie in englischen Küchen sehr oft, über dem Waschbecken befindet.

Der schöne Tisch ist – vor langer Zeit allerdings – auch von IKEA – wie jetzt die ganze neue Küche. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Holzschrank, dessen Türen wir entfernt haben, um – wie nach vielen „Barneby“-Folgen im Fernsehen gesehen – die Tassen frei aufzuhängen. Sehr praktisch! Den habe ich vor vielen Jahren für 8 DM von einer Schule gekauft, die wollten neue Schrecken anlässlich der Renovierung…

Das gerahmte Plakat ist eine schöne Erinnerung an meine 18 Jahre als künstlerische Leiterin des HAMBURGER RICHTERTHEATERS. Paul Gerhardt Scharf, ein Künstler und Architekt, hat dieses Plakat gestaltet. Wie übrigens alle meine Plakate der Inszenierungen mit Lehrern meiner Schule und eben den Inszenierungen des Richtertheaters. (Wer wissen möchte, was ich mit LehrerInnen und SchülerInnen und RichterInnenzeniert habe, kann das auf meiner Seite http://www.Welt-ohne-geld.de unter ‚über mich‘ lesen)

Die Bierkiste war DAS wichtige Element meiner Inszenierung. Es handelte sich hier um eine Show mit Tanz und Gesang und vielen unterschiedlichen Bühnenbildern und jedes einzelne wurde mit roten Bierkisten – von der Astra Brauerei gespendet – erstellt. Der Hummer war Paul-Gerhardts Interpretation des Stückes „Teilen, nicht sparen!“, weil es sich hier – wie immer damals – um ein gesellschaftlich relevantes politisches Stück handelte: die Reichen teilen mit den Armen!

Unter dem gerahmten Plakat – in diesem Falle war das für die Aufführung in Alma-Hoppes-Lustspielhaus im April 1989 – hängt ein thematisch passendes Küchenhandtuch. Ein Geschenk von Gabriele S. anlässlich des letzten PolitSalons mit dem GRÜNEN Umweltsenator Jens Kerstan.

„Elisabeth, nous avons une belle allemande“ sagte mir Marithé begeistert, als ich sie eines Tages in ihrer luxuriösen Wohnung nahe Arc de Triomphe besuche. Kaum hat sie es gesagt, bereute sie ihre Worte: „Entschuldige bitte. ‚Une belle allemande‘ = ‚eine schöne Deutsche‘ heißt in Paris, eine Küche mit lauter Geräten, die alle funktionieren. Heute sage ich das zum ersten Male zu einer Deutschen. Wie peinlich!“ Ich lache mit ihr. Es gibt schlimmere Vergleiche.

6. PolitSalon mit Umweltsenator Jens Kerstan

„Dass der jetzt so kurz vor der Wahl die Zeit hat zu euch zu kommen! Das überrascht mich!“ Wir sind platt! „Der hat nicht Zeit! DAS IST Wahlkampf!“ So, wie auf dem Foto zu sehen, stehen-liegen die Wahlkampfmaterialien auf dem Flur aus. Direkt unter einem wunderschönen George de la Tour Poster aus Paris – in der Größe für die großen Pariser Boulevards. Riesengroß und schwer zu ergattern. Wir müssen damals noch ein Auto gehabt haben, denn es ist völlig ungeknickt.

22 interessierte Menschen – Freunde, Bekannte, Freunde von Freunden und Bekannten – lauschen dem GRÜNEN Umweltsenator. Ein Stamm von Gästen sind geladen und immer wieder Neue. Das ist eine wunderbare Mischung. Meine Vorstellung jeden einzelnen Gastes ist immer der wichtige Einstieg. Jeder Anwesende kommt richtig vor, d.h. sitzt da nicht nur, sondern bekommt ein Kleid aus Fakten seines/ihres gelebten Lebens. Das aufmerksame Interesse der Zuhörer ist wertschätzende Freude.

Jens – wir GRÜNEN duzen uns ja – erzählt aus seinem grünen Vorleben, seinen Tätigkeiten mit Umweltverbänden und -Gruppen, den Absichten alternativen Strom in Hamburg zu produzieren: grüne Dächer, Photovoltaic-Anlagen. Der Auflage beim Bauen – 70 % Beihilfe von der Stadt. Und Nachrüsten? Ja, auch, aber da zahlt der Bund. Ulrike nickt, sie macht das gerade in ihrem Haus. Ich hätte zu gern so eine Anlage auf dem Dach. Freude bei mir! Mal sehen.

Ja, jetzt ist Klima ein Thema für alle Parteien. Fridays for Future hat das ins allgemeine Bewusstsein gehoben und das Thema „darf“ nun benannt, diskutiert werden. Aber was passiert tatsächlich. Wir erfahren, was für ein Industriestandort Hamburg auch ist. Ich bin platt. Bewegt sich wirklich etwas? Konkret ist es weiter ein Bohren dicker Bretter. Schon viel, viel, viel besser, bereiter zu konkreten Veränderungen in die richtige Richtung.

Dann erzählt Jens Kerstan von Treffen mit Fridays for Future Vertretern. Die sind total enttäuscht. Das ist alles nicht genug, ja, eigentlich noch gar nichts angesichts der Situation. Die finden, der Umweltsenator sollte bei jeglicher Maßnahme im Senat das letzte Wort haben. Jede einzelne Verfügung sollte von ihm abgesegnet werden. Jens schüttelt den Kopf: was stellen die sich vor. Ich denke: Recht haben sie aber.

Besonderes Highlight dieses Mal war fraglos Ralf Marien Engelbarts, der Aura-Fotograf. Ich habe ihn begeistert vorgestellt. Vor 14 Jahren meine erste Aurafotografie und nun wieder eine. Habe ich mich in die von mir gewünschte Richtung weiter entwickelt? Die Aura-Fotografie kann man nicht täuschen. Ralf muss tatsächlich seine Visitenkarten aus dem Auto holen, fast alle wollen eine haben. Klar, ein Mensch ist mehr als das, was man sieht und anfassen kann. Jeder Mensch strahlt und wirkt und irgendwie spürt das jeder.

Das Buffet ist wieder oberköstlich. Aber, wie erste Bedanke-mich-Reaktionen heute Morgen zeigen:“Man erwartet schon gar nichts anderes!“ Der Plausch nach dem ernsten Politk-Talk ist heiter, lebhaft. Immer wieder neue Gruppen um das Buffet, im Flur – alle bekommen Wahlmaterial mit nach Hause – und im Wohnzimmer. Leider hat Katharina Fegebank diese entspannte leichte Atmosphäre nicht genießen können, weil sie immer weiter im Plenum befragt wurde. Ja, es ist nicht einfach Bürgermeisterin zu werden.

Danke, lieber Jens, dass du bei uns warst. So kann Wahlkampf auch aussehen!

Kann die Kanzler?

Wer erinnert sich nicht an die ‚bekiffte‘ Frage von Schröder, als er die Wahl verloren hatte. Die Älteren bestimmt. Gemeint war Angela Merkel, auf die ich nichts kommen lasse. Ja, ich bin Grüne und sie ist CDU. Mir fallen viele Sachen ein, die unter ihrer Ägide nicht so gelaufen sind, wie ich es mir wünsche. Aber sie ist eine Frau und das ist ein Pfund! Natürlich unterstütze ich Frauen! Nun KATHARINA FEGEBANK!

Kann die Bürgermeister? Ich kann die Frage nicht in weiblicher Form stellen, weil es noch nie eine Hamburger Bürgermeisterin gegeben hat. Über 200 Bürgermeister und nicht eine Frau. Nun Ja! Was höre ich sogar von Freundinnen? „Ich weiß nicht, Bürgermeister? Ich weiß nicht…“ Und dann kommt das, was man nie Männer über Männer sagen hörte. Lauter Eigenschaften die alles infragestellen.

Aus jeder Eigenschaft kann man Frauen ein Fallstrick drehen: zu dick, zu dünn; zu hübsch, zu hässlich; zu intellektuell, zu mütterlich, kinderlos – keine richtige Frau, Kinder – soll sich um die kümmern; zu informiert, zu uninformiert; zu sicher, zu unsicher; und so weiter und so fort. Jede Eigenschaft mit dem richtigen Gesicht kann zu dem völlig aussagelosen Argument:“Aber sie hat so große Füße!“ werden.

Alle benutzen diese Herabstufungen als Argument gegen Frauen, aber Frauen sind bei Frauen besonders behende und triumphierend dabei. Männer nehmen Männer in Schutz. Bitte probier es mal. Erwähn einem Mann gegenüber einmal ein nicht so nettes Verhalten s/einer Frau gegenüber und der männliche Zuhörer findet eine solidarische sanfte Entschuldigung. „Ja, aber guck mal, er hat ja auch nicht…. Sie ist ja auch (siehe oben angeführte Argumente) so ….“

Ja, die Grünen sind ein wundervoller Männer-Umerziehungs-Verein! Die Grünen Männer kämpfen für eine Frau! KATHARINA FEGEBANK! Und das mit vollem Engagement! Sie sehen, erleben, realisieren wie staatstragend Frauen sind. Ohne sie gäbe es keine Kinder, würde Care-Arbeit Nicht geleistet. Care – sich kümmern! Care-Arbeit ist alle Arbeit, die die Sorge der Nächsten in Familie und Staat als Ziel hat . Mit mehr Karriere heute oft auch gleichzeitig immer noch die frühere Kümmer-Arbeit obendrauf. Unbezahlt natürlich!

Einige Männer sind schon anders. Meiner beispielsweise. Er ist von einer emanzipierten Kommunistin erzogen worden, die bestimmt Alexandra Kolontai gelesen, wenn nicht gar in Moskau im Exil gekannt hat. Bei den Grünen sind ganz viele Männer, die Gleichberechtigung denken und leben – oder danach streben. Auf jeden Fall kann jede Frau die Emanzipation Deutschlands und Hamburgs wundervoll vorantreiben, wenn sie DIE GRÜNEN fördert und wählt.

Die Akzeptanz des großen Anderen ist die Grundlage für Frieden. Das große Andere ist für jeden Menschen erst einmal das andere Geschlecht. Interessant, dass von den verflossenen Männer-Bürgermeistern ausschließlich Ole von Beust, ein homosexueller Mann, Katharina Fegebank die Fähigkeit zum Bürgermeister-sein zuspricht. „Kann die Bürgermeister?“ „Ja, die kann.“

Und selbst wenn sie keine herausragende Bürgermeisterin würde, gilt es sie zu unterstützen. Nach so vielen Männern traut sich eine Frau. Ich finde sie und es einfach toll. Meine volle Solidarität!

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