Ich habe zwei gute Filme gesehen

‚Das Leuchten der Erinnerung’ und ‚Herrgott für Anfänger’. Beide Filme haben mich sehr gut unterhalten. ‚Gut unterhalten’ heißt für mich: ich habe mich amüsiert und etwas Neues erfahren, etwas gelernt.

Im ‚Leuchten der Erinnerung’ sind Helen Mirren und Donald Sutherland die Protagonisten. Ich liebe Helen Mirren! Sie ist eine beeindruckende, reife, schöne Frau. Donald Sutherland sehe ich nicht so gern an, er sieht ‚leider alt’ aus, aber er sollte ja auch den beschädigten Alten spielen. Beschädigt von Demenz. Wenn man – wie ich – bald 79 alt ist, hat man Scheu vor einem Film über Demenz, oder? Aber hier habe ich gelernt, dass gelegentliche ‚Wortfindungsstörungen‘ keineswegs etwas mit Demenz zu tun haben. Da kämpft man offensichtlich nicht um Namen – bei Rainer und mir ist es immer wieder Konstantin Wecker, bei dessen Namensnachforschungen ich „Noilich hoabn’s den Willi derschlagen“ googeln muss, weil mir dieser Titel immer einfällt – , sondern bei Demenz sind ganze Lebensstrecken aushäusig, die dann unerwartet wieder zu Hause auftauchen können.

Es war zu schön, wenn Donald Sutherland als pensionierter Literaturprofessor plötzlich wieder völlig intakt Kontakt aufnehmen konnte. Dass Liebe eine Hauptrolle spielte konnte man an den Eifersuchtsszenen erkennen. Er erkennt beispielsweise eine frühere Studentin mit Namen, erfragt sogar  das Wohlergehen ihrer Freundin, „mit der sie immer so gelacht haben“  und verabschiedet sich – wieder mit Namensnennung – von ihr und ihren beiden Kindern. Helen kocht vor Eifersucht. Das steigert sich aber ins Ungeheurliche, als er Helen Mirren, seiner Frau, die er momentan für ihre Nachbarin hält,  seine Liebe zu  seiner Frau – IHR ! – ausdrückt und betont, dass er die seit zwei Jahren anhaltende Affäre mit der Nachbarin (!) beendet möchte.  Ein Orkan bricht los! (Der Film ist augenblicklich in den Kinos. In Hamburg im Abaton im Original.)

 

‚Herrgott für Anfänger“ ist ein rundherum wienerischer Film. Ach, ich liebe Wien. Ich bin so froh, dass ich dort mal kurz gelebt habe. Wenn ich andere Länder als Heimat aussuchen müsste, stünde an erster Stelle London und gleich an zweiter Wien! Diesen Film kann man in seiner Unverhofftheit nicht erzählen. Gelernt habe ich darin viel über meine Wirklichkeit. Was weiß ich über Muslime? Und dabei war ich am Tag der Offenen Tür in der Moschee, die nur 500 m von uns entfernt steht…

Faszinierend, wie der Protagonist, ein junge Wiener mit türkischen Wurzeln, von seinem Freund/Cousin/? in die Riten des muslimischen Glaubens eingeführt und in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen wird. Vor dem Gebet waschen sich alle die Hände, die Unterarme, den Hals, das Gesicht, streichen sich mit nassen Händen über die Haare und waschen sich die Füße. Schon mal nicht schlecht, um sauber zu sein, sauberer als alle anderen Männer auf der Straße, denen sie nach dem Gebet begegnen. Das gibt ein körperlich gut begründetes Gefühl der Überlegenheit. Das fand ich interessant. Die nicht enden wollenden Gelegenheiten, wo der junge Mann den Gebetsteppich ausrollen wollte, konnte ich als eine ausgezeichnete Übung für Willensmuskeln wahrnehmen: immer wieder zu ganz bestimmten Zeiten etwas ausführen, dass man sich vorgenommen hat. Ganz schön gut!

Die Wahrheiten über die katholische Kirche waren auch nicht schlecht. Der junge sympathische Mann ist Taxifahrer und fährt seit Jahrzehnten eine grantige Alte – wunderbar wienerisch und unversöhnlich authentisch Erni Mangold -, die ihm überraschender Weise nach ihrem Ableben ein Lokal mit Weinberg vererben wird, zu der Bedingung, dass er zum katholischen Glauben übertritt. Wenn nicht, erbt die katholische Kirche alles. Zu schön, der eifrige, über die wieder gewonnene Seele beglückte Priester und der trickreiche Bischof/Würdenträger, der die Taufe verhindern und das Grundstück in den Besitz der Kirche überführen möchte. (Diesen Film kann man in der Mediathek von ARD noch abrufen!)

Und hier noch eine von meinen inzwischen 19 Collagen:

Tür

Wohin

 

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Inventur – Bestandsaufnahme

ist in der ersten Woche des Jahres angesagt. Ich schwinge zwischen wunderschönen Polen: Montag, Dienstag, Mittwoch treffe ich Freunde, mit denen ich Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch spreche. Leider niemanden, mit dem ich Chinesisch sprechen kann. Deswegen habe ich http://www.Chinesepod abonniert, eine Plattform, auf der ich in den unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden kurze chinesische Videos sehen oder Sprachdialoge hören kann. Auch in Schriftzeichen abrufen kann.

Donnerstags und freitags verabrede ich mich mit Freundinnen, wir lunchen und reden und die Welt wird immer größer und bunter. Oder/und ich kaufe in der City Notwendiges und Angenehmes. Schlendern und Genießen ist angesagt.

Sonnabend und Sonntag bin ich nur Zuhause und feiere Zweisamkeit und meine Hobbies: ich sitze am Tisch und mache neuerdings Collagen, Niederländisch-Hausaufgaben (12 Seiten bis zum 1. Treffen vom Kurs II nächstes Wochenende von 10 – 14.15 Uhr), wir spielen Cello-Duos und ich zaubere schöne Mittagsimbisse.

Zwischendurch spiele ich mal Ukulele und singe dazu, dann lese ich. Augenblicklich von Eric Colin Wright REALE UTOPIEN Wege aus dem Kapitalismus. Sehr, sehr, sehr zu empfehlen!!!!!

Reale Utopien sind ja auch das Thema meiner Zweiergruppe als Aktivität bei den Grünen.

Um diese Botschaften publik zu machen, hatte ich eine wunderbare Einladung am 28.12. 2017. Eine lebhafte Diskussion flog durch den Raum. Ein Vergnügen! Die Diskussion landete ziemlich schnell beim bedingungslosen Grundeinkommen BGE. Ein Gast hatte enorme Angst, dass alle faul werden. Bis jemandem einfiel, dass die Reichen als Erben immer schon ein BGE beziehen – und liegen die den ganzen Tag im Bett? Nein!

Tätigkeit ist die Natur des Menschen. Genau! Arme und Reiche sind nämlich aus dem gleichen Ton geformt, kommen alle aus der gleichen Quelle und da gehen sie auch wieder hin —— und dann geht vielleicht das Fragenstellen los…? Oh la la… Das wird ja ein buntes Treiben.

 

Die Weihnachtstage waren wunderbar! Nun allen ein frohes 2018 mit vielen guten politischen Ideen für die Zukunft unserer Gesellschaft

Das ist auch so schön am Älterwerden, dass man die Hochachtung vor Festtagen verliert. Oder besser vor dem Diktat, wie man sie zu gestalten hat. Wieviel schöne Weihnachtsfeste habe ich erlebt, aber bei wievielen habe ich panisch versucht, ein rechtes Weihnachtsfest irgendwie hin zu organisieren.

An der Weihnachtsgeschichte irritiert mich einiges. Ich glaube beispielsweise nicht, dass Maria eine arme, einfache Frau war, sondern ganz im Gegenteil: eine hochgebildete. Der katholischen Kirche nach – damit meine ich die teilweise sehr zweifelhaften früheren Päpste – war eine Frau weniger ein ganzer Mensch als ausschließlich lediglich ein Lebewesen, reduziert auf ein reines (unbefleckt!) liebliches Gebärbecken. Marias tatsächliche Bedeutung wird meines Erachtens nicht erfasst. Aber in dieser Interpretation wohl gut für das Volk.

Das Volk als Gemeinde, das obendrein Sonntag für Sonntag nicht etwa die frohe Botschaft des „Weihnachtswunders“ zu sehen bekommt, sondern den blutenden Jesus am Kreuz. Von der Kanzel erzählen sie dann von der Frohen Botschaft der Liebe, aber zu sehen bekommt die Gemeinde eine Stunde lang einen geschundenen Körper mit der ihm innewohnenden Botschaft: gekreuzigt, weil du erbsündig geboren wurdest.

Die Kreuzigung war der schlimmste Moment in Jesus Leben, der Beleg dafür ist sogar in der Bibel zu lesen, nämlich im Ausspruch am Kreuz:“ Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Das Kreuz während der gesamten Predigt vor Augen zu haben, das ist so, als würde man nach 40 schönen Ehejahren einer Witwe das Foto mit dem einzigen Fehltritt ihres Ehemannes – möglichst mit einer hübschen jungen Frau – zur Erinnerung an die Wand nageln.

Und dann „die heilige Familie“. Warum sind denn die katholischen Pfarrer nicht verheiratet, wenn Familie so heilig ist?

Die Absicht von Jesus Leben kommt in der Kreuzigung gar nicht mehr vor. Die Absicht seines Lebens in einen Satz gepresst war: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

Und dann diese Erbsünde! So hält man Leute klein: Erbsünde – da kannst du gar nichts machen, du musst gerettet werden! Auch das ist mit der Bibel zu widerlegen: wir sind alle nach Gottes Ebenbild geschaffen. Wir sind mit soviel tollen Werkzeugen für die Liebe ausgestattet!

Ich finde Kirche als Gemeinschaft gut. Ich bin evangelisch und trete schon aus Dankbarkeit nicht aus der Kirche aus, weil ich meine Auslandsaufenthalte dem Evangelischen Studienwerk verdanke. Aber die Kreuze mit dem blutenden Jesus und dem Erbsünde-Gedanken, das passt nicht zur frohen Botschaft der Liebe.

Den derzeitigen Papst Franziskus nehme ich aus all meiner Kirchen-Kritik heraus. Er ist für mich ein Beispiel für die tätige Liebe, die Jesus gemeint hat.

Meine Weihnachtstage waren wunderbar: jeden Tag Cello-Duos mit Rainer gespielt, 6 Collagen gemacht, Niederländisch gelernt, spazieren gegangen, lecker gegessen und gelesen.

Sylvester kann kommen! All denen, die sich dafür interessieren, wie diese Gesellschaft sich gut weiterentwickeln könnte, empfehle ich das Buch von Eric Olin Wright „Reale Utopien – Wege aus dem Kapitalismus“. Man muss die Nieschen im Kapitalismus finden und Sachen die „desireable, viable und achievable “ sind – also wünschenswert, überlebensfähig und erreichbar – in die Tat umsetzen und wieder mehr Demokratie leben. Aber das ist ein neues Thema!

Ich wünsche allen ein Sylvester nach dem eigenen Herzen und ein frohes 2018.

Ich möchte mich noch herzlich bei allen freundlichen Lesern meines Blogs für das Lesen meiner Ergüsse bedanken. Ich glaube, als Kind/Jugendlicher hätte ich auch ewig am Iphone gehangen: ich sehe nämlich sehr oft nach, wieviele gelesen haben. Die Namen kann ich natürlich nicht sehen, aber die Länder! Und das ist beeindruckend: aus der ganzen Welt lesen nette Menschen meine wöchentlichen Beiträge. Dann freue ich mich immer sehr, dass mein Blog lebt. Dafür ganz dollen Dank von Herzen!

Was begeistert mein Leben? – und Franz Kafkas „Vor dem Gesetz“ und – Frohe Weihnachten

Das Wort ‚be-geist-ern’ ist interessant: es schließt in seiner Bedeutung darauf, dass mit Geist eine belebende Stimmung entsteht. Was ist Geist? Ist jemand vergeistigt, meint man, er lebe mehr in Gedanken. Auf jeden Fall ist nicht das Materielle für seine Zufriedenheit ausschlaggebend. Ein vergeistigter Mensch ist kein trauriger, sondern einer mit einer reichen inneren Landschaft versehener. Geist ist nicht gegenständlich, sondern es ist das, was uns beseelt, womit wir innere Dialoge halten können.

Für mich ist Geist–Begeisterung-Freude die Hauptaufgabe und der Hauptgewinn meines Lebens. Es ist auch die Quintessenz meiner spirituellen Erkenntnisse: mich immer in der Schwingung der Freude zu halten!

Das ist keine Automatik. Seit 2011 lebe ich in der Schwingung der Freude. Mein Leben ist seitdem zuverlässig angenehm. Wie mache ich das? Denn ich stelle es auch immer wieder her. Ich freue mich natürlich oft spontan, aber interessant ist der Freude-Herstellungs-Weg.

Erstens liebe ich mich bedingungslos – also auch dann, wenn nichts Lobenswertes anliegt…

Zweitens ist mir klar, dass nur durch die Pole Positiv und Negativ Spielraum für den freien Willen möglich ist. Den freien Willen halte ich für ein besonders großes Geschenk der Quelle, aus der wir alle kommen.

Dann kann ich gut ’Wollen’, d.h. ich haben einen gut trainierten Willens-Muskel, der das, was ich machen möchte, in die Realität transportiert. (Näheres in meinem 1. Buch: „anders denken – ewig leben“)

Dann merke ich schnell, wenn meine Stimmung aus der Freude gleitet-fällt-springt und fange sie auf, frage nach und schiebe meinen positiv-negativ Regler über das Gefühl der Dankbarkeit zurück in die Freude. Zum Dankbarsein hat in Deutschland fast jeder Anlass. Ich auf jeden Fall in großem Maße.

Was meine Stimmung grundsätzlich oder immer wieder eintrübt, dass tue ich aus meinem Leben raus. Ich kenne das Argument, dass man den meisten Menschen etwas nicht antun kann, aber damit macht man sie schwächer als sich selber. Ich erlebe alle Menschen als gleich kräftig, sie verteilen ihre Energie nur anders.

Die Kurzgeschichte „Vor dem Gesetz“ von Kafka beschreibt für mich auch auf wunderbare Weise, wie jeder sein Glück in der Hand hält: man muss es nur mutig wagen. Und ich sage zusätzlich: wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten oder übernächsten. Jeder ist an einer anderen Übungsstelle seines “Diamantschleifens“ – seiner Charakterverfeinerung.

Hier die Kurzgeschichte von Franz Kafka:

Vor dem Gesetz

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen.

«Es ist möglich», sagt der Türhüter, «jetzt aber nicht.»

Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt:

«Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kam nicht einmal ich mehr ertragen.»

Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen.

Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei:

«Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.»

Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert.

«Was willst du denn jetzt noch wissen?» fragt der Türhüter, «du bist unersättlich. »

«Alle streben doch nach dem Gesetz», sagt der Mann, «wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?»

Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an:

«Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.»

Franz Kafka

Ich bin jetzt bei Collage Nr.10. Aus dieser Sammlung noch ein Beispiel mit der begleitenden gedanklichen Impression:

 

Mund

 

Ich sage

 

 

 

Ich bin im Collagen-Rausch – empfehlenswert! Warum?

Fünf Collagen, die mir sehr gefallen, habe ich bereits gemacht, zwei sind nach Fertigstellung in den Papierkorb gewandert. Aber das war auch eine gute Erfahrung: das Zusammenschnippeln und Kleben von wohlgewählten Bildern ergibt  nicht automatisch ein interessantes Gegenüber. Umso größer ist die Freude und Befriedigung, wenn das fertige Bild einen eigenen Charakter hat. Es wirkt dann selbständig, hat etwas Eigenes, bedarf nicht empfehlenswerter Bemerkungen: es spricht für sich.

Das erinnert mich an die Antwort von Markus Michel (anlässlich meiner Lektoren-Sitzung mit ihm zur Veröffentlichung im Kursbuch 34 über Stegreiftheater) auf meine Frage, wie das sei, wenn man etwas veröffentlicht habe: “Wenn es gut ist, wundert man sich, dass man es selber geschrieben hat. Es wirkt für sich allein. Wenn es nicht gut ist, verteidigt man es ununterbrochen.“

Diese Freude am Collagieren hat Dr. Johanna Vedrals Buch Collage Dream Writing hervorgerufen. Tatsächlich fühle ich mich während des Bilderwählens, Schneidens, klebend Komponierens wie tagträumend.

Erstaunlicherweise sind seit dieser Tätigkeit meine ‚realen‘ nächtlichen Träume lebendiger wahrnehmbar geworden. Ich träume in Farbe, vorgestern waren alle Türen in meiner Traumwohnung hellblau gestrichen – eine ziemlich dicke glänzende Schicht lag auf allen und die Sonne schien durch ein Fenster von der linken Seite darauf.

Und Writing kommt meinen fertigen Collagen nach dem Dreaming auch zugute. Zu jeder fertigen Collage schreibe ich ein kleines Gedicht.

Beim Lesen des Buches hatte ich den Plan irgendwann einen Workshop für Ältere anzubieten: „Habe ich das Thema meines Lebens erkannt?“ – das sollte der Titel des Workshops sein, aber im Augenblick erscheint mir diese versunkene Tätigkeit nur allein ausgeführt so schön! Das Gedicht zu dem Bild unten:

Mein Wunschtraum

Ich möchte

auch

mit den Ohren

sehen können

und

von Feuer genährt

mit

anderen

leben und genießen

 

My first Collage! und dann “Last Night“

1.Collage

What a pleasure: you don’t have to mix colours, you do not have to learn techniques you just let your thoughts, feelings, impressions roam in pictures – any pictures: in magazines foremost but also advertisment papers, books, leaflets. All you need are scissors and glue and off you go on a most pleasant journey. You can drift and drift and try and try and cut and paste and in the end something is looking at you. A part of yourself! And it is ready to talk to you – if you feel like it… Even only as a fact – as a picture – it feels fine. Just do it! Have a try! It is something most creative: Arthur Koestler discribes this as Bisociation, the roots of creativity.

Das Buch von Arthur Koestler „Der göttliche Funke“

Der göttliche Funke. Der schöpferische Akt in Kunst und Wissenschaft ist ein 1966 erschienenes philosophisch-psychologisches Sachbuch von Arthur Koestler, in dem er versucht, die Vorgänge zu erklären, … Wikipedia

 

Last Night – Nur eine Nacht – Keira Knightley und Sam Worthington, ein packender romatischer Film und eine excellente Diskussionsvorlage. (im Fernsehen auf ONE)

Ein junges sympathisches Ehepaar erlebt eine Nacht getrennt voneinander. Auf höchst subtile Art werden die ihrer Natur nach sehr unterschiedlichen Weisen männlichen und weiblichen Fremdgehens entwickelt. Gebannt sieht man ihnen zu. Wer ist mehr fremdgegangen, wer hat die Ehe grundsätzlicher aufs Spiel gesetzt. Wird diese Nacht Konsequenzen haben? Das Schlussbild ist eine Umarmung, bei der er über ihre Schulter ein “Ausgehkleid“ auf dem Boden entdeckt und sie die Umarmung lösen. Sie holt Luft. Ende: das Reden tut man dann selber. Ein wunderbar unterhaltender Film, der einen die ganze Zeit der Betrachtung reflektieren lässt. Die 1978 geborene iranisch-US-amerikanische Drehbuchschreiberin und Regisseurin Massy Tadjedin hat diesen Film geschrieben und inszeniert. Ein Meisterwerk!

 

Ein Jahrhundertwerk aus Wien – für jeden, der sich selber besser kennen lernen möchte!

 

cover_collagedreamwriting

 

Aus Wien! Natürlich! Da findet Kreativität einen anderen Himmel und in der Pramergasse das http://www.writersstudio.at! Eine Lesung? Klar, im http://cafe-book.de/ in Jesteburg wird das möglich. Ich werde mein gerade erhaltenes Buch weiterreichen!

Dann beginne ich zu lesen. Von Collagen in all ihren Ansätzen: in der Kunst, in der Therapie, in der Welt, in der Geschichte der Kunst, in Händen und im Herzen der Autorin. Wie schafft sie diesen Spagat von wissenschaftlichem und höchst privatem Schreiben. Ich bin beeindruckt, ich bin berührt! Je länger ich lese, desto tiefer erfasst mich die Begeisterung für diese Ausdrucksform, die ich bisher gar nicht wahrgenommen hatte. Von der ich nicht wusste, dass sie mir nur beim Lesen so einen kreativen Schubs geben würde. Ich merke schon beim Durchblättern der ersten Zeitschrift dass ich mit neuer freundlicher Nähe in Bildern und Fotos verweile: ich prüfe sie auf ihre Verwendbarkeit zum Ausdruck meiner tieferen Seelenschichten in einer Collage. Bilder muten mich plötzlich an! Dieses Buch, schreibe ich Johanna, werde ich nie und nimmer aus der Hand legen. Ich bin noch gar nicht beim Träumen und Schreiben angekommen! Dieses Buch bleibt bei mir, in meinem Leben, für immer, dieses Jahrhundertwerk!

Ich maile meine Begeisterung nach Wien und tatsächlich, Johanna hat auch einen reitenden Boten für das zweite 700 Gramm schwere Buch mit 80 Collagen und einem Layout, das wie ein Pralinenkasten glänzt und nährt und an keiner Ecke Lesemühen aufkommen lässt. Die lesefreundliche Schrift auf so schönem Papier, ein optischer und haptischer Genuss.

Schon vier Tage nach meiner Anfrage für das zweite Buch, das erstaunlicher Weise nur 24,50 € kostet, treffe ich vor der Elbphilharmonie Sonja, die mit ihrem Chor in Kiel die h-moll Messe gesungen hat und nun Hamburg einen Besuch abstattet. Ich lerne, dass sie auch die Lektorin dieses Wunderbuches ist. Wir kennen uns nicht direkt, aber sie hat mich 2015 auf dem Fest des writersstudio beim Rezitieren meines Gedichtes “Was ich am besten kann auf Erden ist – ohne Zweifel – Älterwerden“ erlebt.

Anekdote

Das Wetter ist an diesem Tag übertrieben hamburgisch – nur Regen und viel Wind. Ich kämpfe mich mit meinem Regenschirm zum Bus und finde meinen Lieblingsplatz im Bus –  rechts neben dem Fahrer mit freier Sicht auf die Straße. Am Hauptbahnhof kommt nach dem Türenschließen ein wohl 18jähriger an den Bus gelaufen, stürzt durch die offene Tür auf meinen Sitzplatz zu und ruft laut:

“Schnell, schnell, steh’ auf und lass mich sitzen. Ich habe eine schwere Tasche!“

„Nein!“, sage ich entschlossen.

Da wendet er sich an den Herrn auf dem Platz hinter dem Fahrer und wiederholt in gleicher Heftigkeit seinen Spruch. Da wirkt er. Der Mann steht auf, der junge Mensch setzt sich und ruft so laut wie vorher:

“Es gibt ja wirklich unfreundliche Menschen, die niemandem helfen wollen. Sie denken nur an sich und tun nichts für andere. Wie diese Frau hier, die nicht für mich aufgestanden ist. So unfreundlich, kein bisschen hilfsbereit. Wirklich!“

Lautes Stöhnen, lautes Luftholen und er wiederholt seine Beschimpfungen. Ich denke: wie interessant, so etwas ist mir noch nie passiert, wie das wohl ausgeht. Der Mann, der ihm den Platz freigemacht hat, nutzt eine seiner Stöhn-Pausen und sagt, dass er ja jetzt einen Sitzplatz habe.

„Ja, danke!“ ruft der anerkennend und dreht sich freundlich zu ihm um „aber diese Frau hier, bei meiner schweren Tasche…“

Da unterbreche ich ihn:

“Ja, stimmt, Ihre Tasche ist wirklich schwer. Die hätten sie aber auf dem Boden abstellen können, ja sogar an meinen Füßen.“

Er ist empört: “Und mich dann draufsetzen? Dann wäre alles zerbrochen!“

„Wer sagt, dass Sie sich draufsetzen sollen?“

„Aber ich bin müde, ich habe gearbeitet!“

„Sie wissen ja gar nicht, was ich gemacht habe.“

„Hach“, er lacht laut, „was Sie gemacht haben, das sieht man doch gleich: Bürojob, einen Bürojob, den ganzen Tag gesessen!“

Ich muss lachen, einen Bürojob mit 78 Jahren! Natürlich hat der junge Mensch eine kleine Ungewöhnlichkeit. Da muss ich aussteigen. Schon beim Warten innen vor der Bustür zwinkert mir eine ca. 40 Jährige zu. Wir steigen aus, sie wendet sich an mich und sagt:

“Ich habe mich so gefreut, als sie laut und deutlich NEIN gesagt haben. Der junge Mann hat wohl ein Down-Syndrom.“

„Oh nein, das hätte ich gesehen und Menschen mit Down-Syndrom sind besonders freundlich.“

„Aber irgendetwas stimmte nicht. Und das meine ich: meine Schwester hatte auch eine Besonderheit und die ganze Familie hat sich ohne Unterlass zu ihren Diensten verhalten. Nie hat sie ein Nein gehört und das hat ihr im Leben nicht geholfen. Ich wäre sogar einmal nachts aufgestanden und hätte ihr Zigaretten geholt! Dieser junge Mann hat heute eine wichtige Erfahrung gemacht.“ Ich wünsche ihr einen schönen Abend und dem Jungen mit der schweren Tasche ein schönes Leben!

Ich komme nach Hause und ergreife mein schönes Buch COLLAGEN DREAM WRITING. „Wenn wir mit unseren Traum-Bildern arbeiten, können wir traumatische Ereignisse aus unserer Vergangenheit heilen, aber auch unsere Gesundheit verbessern, Schmerzen erleichtern und mit Ängsten und Trauer besser umgehen lernen. Die Klartraumforscherin Clare Johnson verspricht: „When we wake up to our unconscious, we wake up to our deeper, wiser self. We are able to unlock our deepest potential and create a happier, healthier life.“ “Ende des Zitats aus Collage Dream Writing, S.144

 

 

In der aktuellen Brigitte WIR steht ein Portrait von mir und hier – im www – bewahre ich es nun auf

Artikel aus „Brigitte Wir“

Brigitte begleitet mich vom Anbeginn meines Frauenleben, Brigitte Woman erfreut mich in der Fortsetzung und – Überraschung! – als wären immer ich und mein Lebensalter gemeint, produziert Gruner und Jahr für die „dritte Hälfte“ meines Frauenlebens wieder rechtzeitig eine Zeitschrift wie eine Freundin: Brigitte WIR Ich sage:“DANKE!“

 

 

Warum sind glückliche Alte so wichtig?

 

Dass man geboren wird und schließlich stirbt, sind Fakten. Aber dazwischen liegt das Leben mit dem Wunderwerkzeug der Interpretation. Man schafft durch den Vorgang des Lebens auch Fakten, aber die sind bis zum Schluss und das heißt auch rückwirkend durch Interpretation veränderbar.

Beispiel!

Viele Menschen finden ihre Mutter zu streng, zu wenig liebevoll, zuzeiten zu nachgiebig usw. Das kann Anlass zu lebenslang gedämpfter Stimmung sein: ich Arme/r, man hat nicht genug für mich getan, ich war und bleibe benachteiligt.

Dann kann im Laufe des Lebens eine veränderte Einstellung zustande kommen. Der Mensch erfährt und überzeugt sich – wenn es gut läuft! – selbst, dass diese Art von Mutter ein Vorteil war, weil er durch sie stark geworden ist: „Ein Glück, dass ich eine schwierige Mutter hatte. Da musste ich früh lernen mich zu wehren, meine eigene Überzeugung zum Maßstab zu nehmen und nicht auf Applaus von außen zu warten. Aus dieser ’Not’ heraus habe ich gelernt, aus eigener Überzeugung und Kraft Dinge zu tun.“

Die Energie, die bisher niedergedrückt hat, wird jetzt Motor für gelingendes Lebens. Wenn jemand diese Erkenntnis mit 40 – oder so – Jahren bekommt, kann er durch Interpretation seine Kindheit und Jugend nachträglich zu einer glücklichen Lebenszeit gemacht.

Was ist Zeit? Das Realste für den Menschen sind Gedanken und Gefühle!

Früher ahnte man, dass glückliche Alte Menschen sind, die – bewusst oder unbewusst – vorteilhaft zu interpretieren gelernt hatten. Klar haben Alte Falten, nach einer Theater-Vorstellung sind die Bühnenkostüme nicht mehr knitterfrei.

Wenn Jungsein das Vorbild ist, entfernt man sich durch den von uns unbeeinflussbaren Vorgang des Lebens im Sinne des Älterwerdens von der Kraft des hoffnungsvollen Vorwärtsgehens.

Aus allen Himmelsrichtungen wird Jugend als erstrebenswert angesehen. Dabei hilft alles Streben nichts, denn niemand auf der ganzen Welt wird im Laufe des Lebens jünger! Früher war man wenigstens bis 30 irgendwie beneidenswert vorbildlich, aber inzwischen sind Models – so sie denn Vorbilder für Frauen sind – 15, 16, 17 Jahre alt. Gelassenheit kann so nicht aufkommen, sondern nur Selbstkritik an dem eigenen Fortschreiten des Lebens. Wären glückliche faltenreiche Alte Vorbilder, könnten sich alle über den natürlichen Zunahme des Lebensalters freuen, auf jeden Fall zufrieden sein.

Was für eine wundervolle Angelegenheit das Leben ist, wird klar, wenn man hört, wie selbst Schwerkranke angesichts des nahenden Endes an ihrem lieben Körper festhalten.

Wer alt geworden ist, hat die ganze Aufführung er-fahren, er sitzt mit den anderen Alten und Jungen hinter der Bühne und muss nicht mehr ‚raus’ und die schweren Stellen spielen. Wer es so weit nicht geschafft hat, ist jung gestorben. Leben ist schön, oder?