Was ich alles mag

Also: Ich spiele gern und darum treffe ich mich jeden Monat mit Freundinnen zum Mah Jong – chinesisches Spiel mit vier Mauern aus bildschönen Steinen. Dann zum Doppelkopf – ein sehr deutsches Kartenspiel, hab ich auf die Anzeige DOPPELKOPF IN SHANGHAI sogar in China regelmäßig gespielt. Und schließlich zum Streich-Quartett – da spiele ich das Cello. Alle drei Abende schließen einen Imbiss mit Wein ein. Ja, ich esse auch sehr gern!

18

(Das Aquarell habe ich 2014 gemalt)

Dann lerne ich sehr gern. Immer und immer wieder sehe ich auf www. chinesepod.com Lehrfilme in Chinesisch. Ich will meine hart erworbenen Kenntnisse in Chinesisch – A2 Grenze zu B1 – naja, nicht verlernen. Ich schreibe auch immer wieder chineische kleine Texte ab. Ich will diese schöne Schrift nicht verlernen. Die Zeichen sind wunderschön und je mehr ich schreibe, desto deutlicher fällt mir mein Abstand zu den perfekten chinesischen Schriftzeichen auf.

Wenn ich nachts wach werde – was mit 79 Jahren lebensgeschichtlich normal ist – hole ich gleich mein IPhone ins Bett und höre auf audible englische, französische oder italienische Hörbücher. Ich lerne neu Holländisch – soll korrekt: Niederländisch heißen, aber für Hörbücher in dieser Sprache bin ich noch nicht gut genug. Märchenfilme in holländischer Sprache verstehe ich schon ganz gut.

Bei der Suche nach französischen Filmen bin ich auf einen 6 Minuten Filmbeitrag gestoßen, der berichtet, dass Brigitte Macron ihren Emmanuel lautstark zusammengefaltet hat, weil er sich in so vielen Situationen unmöglich benommen habe. Besonders der Gesichtsausdruck und sein Kommentar zu einem Arbeitslosen haben sie – und das ganze Frankreich – empört. Leider kann ich das Login dafür nicht wieder finden.  Hier ist ein anderer neuer Youtube-Film über sie  https://www.youtube.com/watch?v=dw-1cdNpaJg.

In Französisch und Chinesisch habe ich Sprachkalender. Rainer hat einen in Italienisch und den täglichen Zettel bekomme ich dann von ihm. So habe ich jeden Tag eine kleine Lektion in diesen Sprachen. Ich bin nicht besonders sprachbegabt, sondern ich lerne gerne, aber ich bin sprach-begeistert! Es ist schön, wie unterschiedlich die gleichen Probleme in den verschiedenen Kulturen empfunden und gelebt werden. Für mich ist Sprache die ’Konserve der Kultur’ einer Sprachgemeinschaft.

Dann treffe ich mich gern mit Freundinnen mittags zum Lunch. Ja, ich esse gern! Das tête à tête finde ich die angenehmste Gesprächssituation und Mittagstische sind in Restaurants noch bezahlbar. Ob und wie oft ich mich treffe ist abhängig davon, wie wohl ich mich mit meinem Gegenüber fühle. Da ich immer wieder neue interessante sympathische Menschen treffe, kann schon mal jemand wieder rausfallen.

Ich habe auch einige Ex-Freundinnen, mit denen ich jahrzehntelang sehr eng verbunden war. Aber wenn – siehe oben – ich mich mit jemandem nicht rundherum wohl fühle, treffe ich mich nicht mehr. Die vielen schönen gemeinsamen Erinnerungen bleiben unverändert in meinem Herzen, dann kommen eben nur keine neu hinzu. Ich sage innerlich sehr klar Ja oder Nein. Ich finde, das gibt beiden Seiten Freiheit.

Ich finde Klarheit eine große Hilfe. Wer denkt, er kann einem anderen etwas nicht antun, der stellt sich über ihn, macht ihn zum Schwachen und sich zum Starken. Keiner ist dies oder das, wir alle sind auf dem Weg, finde ich. Und die Tatsache, dass ich so klar empfinde, die mag ich auch sehr gern.

 

 

 

 

Advertisements

Goldener Oktober 2018

Diese verlässliche Sonne! Was für ein ungewohntes Vergnügen! Da springe ich  besonders gern aus dem Bett und freue mich des Lebens.  Es ist Sonntag und ich habe gleich einen Plan habe und kann Rainer dafür begeistern. Wir machen einen Ausflug! Rainer findet auf dem Handy einen Car-to-go in der Nachbarschaft und wir fahren ins Alstertal

 

05_IMG_2133

Wir “wandelen“ – spazieren in Niederländisch – und genießen das Urstromtal der Alster, der Begriff Endmoräne fällt bei uns in diesem Landstrich auch immer. Dann müssen wir lachen.

Auf einer Seite des Weges ist die Natur sich selbt überlassen, der Weg ist gepflegt und frei, aber dort dürfen Pflanzen und Wasser machen, was sie wollen. Es duftet nach Wald. Es ist sonnig und gedämpft, die Schritte sind abgefedert durch den weichen Boden. Nur einige andere sonntägliche Vormittagswanderer und Hundebesitzer sind unterwegs. Es sind so wenige, dass man sich freundlich „Guten Morgen“ wünscht. Das fand ich in Utrecht auch so nett, dass man von fremden Menschen ein freundliches “Dag“ hört. Da liebe ich gleich die ganze Menschheit, denn jeder Mensch ist ja eine Ausgabe von allen Menschen.

07_IMG_2140

 

Eine richtige Wanderung beinhaltet ein Picknick am Schluss und so lockt am Ende unseres Weges das “ THE LOCKS“. Wohl fünf Jahre waren wir dort nicht mehr. Es ist inzwischen erheblich feiner geworden und doch entdecken wir – zufrieden – auf der Speisekarte „unseren“ Burger mit den besonderen Pommes Frites, Twister genannt und den nehmen wir dann auch. Köstlich!

Ich lese heute: Unwetter auf Mallorca – Wassermassen reißen Autos mit. Die armen Einwohner und Touristen! Unwetter in Florida und Indien! Die Menschen tun mir Leid. Ich will nicht denken, dass das schöne Wetter nicht einfach nur schönes Wetter ist…

 

 

 

 

Freelancers – Web – Serie

Ich stelle mir vor, ich sitze auf einer sonnenbeschienen Anhöhe und sehe zurück auf zerklüftete Berge, reißende Ströme und abziehende dunkle donnernde Wolken. Diese Landschaft versinnbildlicht meine zurückliegenden Lebensjahre: meinen Bildungsweg, meine Scheidung, mein Single-Mother-Leben mit Pubertät meiner Tochter, überhaupt: DIE ANDEREN UND ICH in allen Formen, meine Liebes-Suche und -Findung – alles Momente wie Erdrutsche, Krater, Stromschnellen und Verzweiflung-en, die hinter mir liegen. Alles, alles heldinnenhaft durch- und überlebt. Nun ist ALL DAS Futter für wohliges Zurücklehnen. Gleichzeitig ist es Grundlage für zukünftige neue und nun völlig freiwillige Projekte.

Das ist mein Gleichnis um zu verdeutlichen, was ich am Alt-Sein so schön finde. Man hat es geschafft! ICH HABE ES GESCHAFFT! Wie sollte ich mich in die Jugend zurückwünschen wollen? Wie sollte ich noch einmal zwanzig sein wollen? Ich habe doch alles gelebt und bin mit einem großen YES im Jetzt angekommen.

Das denke ich besonders heute! Bitte jetzt die Webserie ’Freelancers’ ansehen und dann reden wir weiter: /freelancerswebserie/

„Die Webserie „Freelancers“ von St. Pauli Zoo Regisseur Julian Schöneich erzählt die Geschichte von drei Kreativen, die von jetzt auf gleich ihren Job verlieren und ganz plötzlich vor dem beruflichen Nichts stehen. Aus der Not heraus halten sich Anna (Antonia Jungwirth), Timo (Thore Lüthje) und Pablo (Christoph Vetter) mit Freelancer-Jobs über Wasser. Doch der Weg in die Selbstständigkeit ist mit vielen Stolpersteinen gepflastert und schnell wird klar: Als Freelancer wird einem nichts geschenkt! Folgt uns auch auf Facebook: facebook.com/freelancerswebserie/ Kategorie Unterhaltung“. (Hab ich von deren Website kopiert.)

Ich bin sofort auf facebook gegangen, habe die Seite ge-liked und diesen Kommentar geschrieben:

Elisabeth Scherf Hab‘ gerade den Pilotfilm gesehen. Hat mich sehr berührt. Gut gemacht, gut gespielt, realistisch und gleichzeitig weiterweisend. Einen Teil der Gesellschaft dargestellt, den ein großer anderer Teil gar nicht kennt. Hat mich total erreicht! Ich gucke auf jeden Fall jeden weiteren Film. Bisher also 5 Episoden jeweils von 5 – 10 Minuten. Annas Auftritt und Behandlung! Was für eine Unverschämtheit – und ich fürchte einer wahren Begebenheit nachgestaltet…

Heute jung zu sein ist nicht einfach: den kurzen Weg zum Abitur mit einem Jahr Ausland –  das ist eine Verbesserung! – danach ein hoffnungslos verschultes Studium entsprechend der Abschlussnote und daher oft nicht nach freier Wahl. Danach die erste Realbegegnung mit der Realität für Beruf und eigenes Einkommen.

Nach dem Abitur ein Handwerk zu wählen, das wäre eine Alternative. Handwerksberufe, mit denen man beispielsweise mit Freunden ein Haus bauen kann? Tischler, Zimmermann, Dachdecker, Klempner, und so weiter. Junge Menschen müssen vorrausschauend wählen – und selbst dann wäre das heute schwierig.  Sie müssen die Welt verändern und für sich lebbar machen. Ich finde ja, dass ein großzügiges Bedingungsloses Grundeinkommen in diesem reichen Deutschland genau richtig wäre. Wir leben in spannenden Zeiten!

 

Bei Monika Fuchs – ein Erlebnis!

Wenn man Monika Fuchs und Kochen zusammen googelt, dann regnet es im Netz von Informationen. Wunderbar und beeindruckend! Selber bei ihr im herrschaftlichen, gemütlichen Wohnzimmer an der langen erlesen gedeckten Tafel zu sitzen, das ist wie eine wunderschöne Zäsur im Leben: man ist angekommen und nun selber ein Teil dieser besonderen Geschichte.

Tatsächlich sitzten wir in zwei Wohnzimmern. Diese typischen Eppendorfer Wohnungen mit Riesen-Verbindungstüren! So eine Wohnung hatte ich auch 30 Jahre – bis wir uns auf entzückende Weise verbessert- oder auch lediglich – verändert haben. Es ist alles so, wie es in diesem Artikel http://www.zeit.de/2018/14/restaurant-im-wohnzimmer-hamburg-monika fuchs zu lesen ist.  Ich habe gehört, dass Klicken nicht reicht.

Darum: mein Dickgedrucktes kopieren, in Google einsetzen, Googlesuche, es erscheint der Artikel ‚Restaurant im Wohnzimmer‘, aufrufen: Viola! oder Ecco! oder Here it is! oder 找到了! und in Niederländisch Dit is het!

Da wir uns tatsächlich alle folgsam vor der Eingangstür sammeln, um erst um 18 Uhr – wie in der Einladung angegeben – zu klingeln, lernen wir uns schon da ein bisschen kennen. Unsere erste Bekanntschaft ist ein Architektenehepaar aus Münster. Sie – Helga – hat diesen Abend ihrem Mann – Thomas – zum Geburtstag geschenkt. Sie sind glücklich hier zu stehen, denn airbnb hat sie in Hamburg alles andere als nett begrüßt. Offene frischgetrichene und daher auch nicht zu schließende Wohnungstür und entsprechend schrecklicher Geruch sind nur die Spitzen der Enttäuschung. Sie fliehen in ein Hotel, das aber nur für eine Nacht ein Zimmer bieten kann.

Wir kommen ja gerade aus Utrecht zurück und können eine solche Entäuschung gut nachempfinden. Kurz und knackig: heute um drei kommen sie zu uns zum Kaffee. Nachts nach dem Essen rufen wir uns wie alte Freunde zu: „Bis morgen!“

Ganz anders als im Bericht in der „DIE ZEIT“ haben wir uns am Schluss alle ein wenig kennengelernt. Monika Fuchs hat sich nach Apéritif, Gruß aus der Küche, Vorspeise und Hauptgericht in den geöffenten Rahmen der Schiebetür gesetzt und eine „Kindergeburtstagfrage“ um beide Tische gehen lassen: Was wolltest du als Kind werden? – Was bist du geworden? – Was willst du noch werden? Das war informativ, unterhaltsam und lustig. Man musste ganz schön aufpassen. Rainers Cello-Unterricht und ich mit meinen vielen Länder-Sprachen-Aufenthalten und unser Projekt, Holländisch richtig gut zu lernen und in ein paar Jahren noch einmal längere Zeit in Utrecht zu leben, haben geradezu Bewunderung ausgelöst. Sehr angenehm!

Dann gab es Nachtisch und danach erscheint eine Käseplatte auf dem Tisch und Brot und plötzlich erinnert mich unser Verhalten an eine Klassenreise – als läge nicht ein ganzes Essen hinter uns,  essen alle in ausgelassener Stimmung wieder los. Wir lachen viel, nun kenne ich nicht nur Helga und Thomas neben mir sondern auch Hans von ‚gegenüber‘, gar nicht so leicht, denn der Tisch ist enorm breit. Nach dem Käse dann noch Obstler und EspressoWeißwein und Rotwein werden angeboten und Wasser steht in sehr dekorativen Fischkaraffen auf dem Tisch. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Ach doch, drei sehr nette junge Frauen bedienen uns enorm gekonnt!

In der Einladung war die strickte Zeitangabe: von 18 – 23 Uhr. Rainer und ich haben uns um 21 Uhr gefragt: was soll noch in den folgenden zwei Stunden passieren?  Aber die Zeit verging schnell und um 23 Uhr können sich nur alle schwer trennen und hatten einen wunderschönen Abend erlebt.

Kein Restaurant kann mit diesem Supperclub – Event konkurrieren. Jeder bezahlt 60 €, aber Monika Fuchs nimmt nur ihre Auslagen davon, der Rest der Einnahmen geht an den Waldkindergarten für krebskranke Kinder und ihre Eltern.

Monika Fuchs ist eine total beeindruckende Frau. Ich freue mich, dass ich sie kennen gelernt habe. Wer auch dahin gehen möchte, hier ist die email Adresse zur Anfrage und Anmeldung. Sie kocht jeden Freitag, ist aber immer schon für Monate ausgebucht. Also lange Vorplanung ist zu empfehlen. studiocatering@gmx.de.

Viel Spaß!

Piet Mondrian, geb. Amersfoort 7.3.1872

Ein Ausflug nach Amerfoort mit der Bus-Chip-Karte. Der öffentliche Verkehr ist schön einfach. Hier wollen wir Piet Mondrians Geburtshaus  besuchen. Wir finden es nicht gleich und können so das kleine Städtchen ausführlich bewundern. Die Sonne scheint ja wieder. Zu schön!

Das Geburtshaus ist heute das Piet Mondrian Museum. Es könnte in New York stehen, erinnert mich an das Guggenheim Museum, das ich mir immer riesig vorgestellt hatte und das lediglich auf Fotos durch seine Innenarchitektur so großzügig – auf mich! – wirkte.

Wir können erst mit der Nr.1 beginnen, wenn die gut sichtbare Uhr rechts vor der geschlossenen Tür auf Null steht. Noch sind andere in dem Raum. Drinnen wird beeindruckend deutlich der Prozess der Wahrnehmungs-Zerlegung – meine Wortwahl – auf Mondrians Bildern gezeigt.

Angefangen hat er wie alle Maler. Hier ein Still-Leben (drei Buchstaben von L kommen mir immer noch lächerlich vor!) von ihm:

IMG_2030

Dann verfolgen wie die Veränderungen.

IMG_2032

Die Leinwand, auf die die Abbildungen projeziert werden, ist in Quadrate aufgeteilt. Die eine Gesamtschau gibt es hier nicht.

IMG_2033

Ich bin nicht immer schnell genug mit dem Fotografieren, aber hier kann man schon einmal sehen, dass bei dieser Sichtweise einzelne Flecken eine andere Farbigkeit aufweisen.

IMG_2034

Nun ist er von den Übergängen befreit und kann sich auf die Farben konzentrieren. Quadrate bilden sein Ordnungsprinzip. Hallo Kubismus!!!

IMG_2035

Jetzt hat er sich auch von den Zwängen der Übergänge bei den Farben befreit und  reduziert in Richtung Grundfarben.

Das fand ich spannend. 1914 – 1918 ist der 1. Weltkrieg. Mondrian lebt von 1911- 1914 in Paris und ist Teil der Kubismus-Bewegung der Künstlerkollegen. Als er nach Kriegsende wieder nach Paris zurückkommt,  ist er enttäuscht, dass die anderen nicht mehr in diese Richtung experimentieren.

Sein Atelier ist maßstabsgetreu im Museum nachgebildet. Ganz schön anstrengend so ein Künstlerleben! Mondrian ist – hologrammäßig –  Suppe auf einen Teller schöpfend zu sehen. Das war ziemlich echt und ein wenig spooky.

———

Grachtenfahrt, Kaffeetrinken und laufen, laufen… Wir sind um viele Eindrücke reicher!

IMG_2025

Auch hier diese liebevolle Pflasterung wie in Utrecht. Kein Wunder, dass Mondrian in Holland – in den Niederlanden muss es korrekt heißen! – auf Farbabteilungen kommt, oder? Das fällt mir übrigens erst jetzt beim Schreiben auf. Haha…

 

 

 

Utrecht vinden we zo mooi – gefällt uns sehr

Bett Balkon

Das muss ich zuerst sagen: unsere Unterkunft ist sehr gut. Die Matratzen sind fest und gleichzeitig weich, wir schlafen wie die vom Spielen erschöpften Kleinkinder. Der Balkon ist ein weiteres Geschenk und da das Wetter immer sonnig und teilweise sommerlich heiß war, können wir ihn wunderbar nutzten.

Sonnenaufgang

Sonnenaufgang vor unserem Fenster! Ich wollte es festhalten und erinnere mich nun.

Es gibt nur eine Mikrowelle, einen Kaffeeautomat und einen elektrischen Wasserkessel, Wasser muss aus dem Bad ‚besorgt‘ werden. Aber Albert Hein ist nah und bietet umwerfend frische Salate in beeindruckenden Variationen und auch köstliche Hausmannskost als warme Mahlzeit. In den Restaurants ist ‚koffie verkeerd‘ kein bisschen verkehrt, sondern ‚lang‘ und schmackhaft – ’smakelijk‘.

Gleich an der Ecke eine ‚vis en frieten‘ – Klappe: ‚fish and chips‘ wie in England: verführerisch! Weitere schöne Zutat zur Wohnung sind zwei bequeme Sessel und ein gerade richtig großer Fernseher – zum Niederländisch Hören und Lernen. Ein (1) deutscher Kanal ist auch einprogrammiert  und so konnten wir den kammerspiel-schönen Fernsehfilm „Der große Rudolph“ über Moshammer sehen. Was für ein tolles Drehbuch. Dieser tolle Moshammer-Darsteller! Was für eine wundervoll feine Mimik er beherrscht: der unterschätzt beleidigte Arrogante mit übergroßem Herzen. Ich glaube die Handlung war frei erfunden und wurde vielleicht darum oder trotzdem Moshammer gleichzeitg so gerecht. Wie der sich im Jenseits wohl amüsiert und gefreut hat! Ich war fasziniert. – https://de.wikipedia.org/wiki/Der_gro%C3%9Fe_Rudolph

Der Herbst ist eine gute Zeit für Utrecht, denn es gibt ein Festival nach dem anderen: wie zum Aufwärmen für die Künstler, die sich – hoffentlich – 6 luxeriöse Wochen in Südfrankreich entspannt und neu inspiriert haben. 🙂

Schwanensee

Hier tanzen auf dem Hof der ‚Stadsschouwbourg Utrecht bei den Theatertagen ausschlißelich ‚Männer-Tänzer‘  Schwanensee.

Verbeugung

Die Hebenummern kamen etwas schwerfällig beim Tanzen, aber lustig war es – sehr sogar!

Bart

Hier sitzt Bart – unserer wundervoller Coach – mit uns und schult uns sprachlich anhand eines Utrecht Kalenders. Er macht es wunderbar: er lässt viel Raum zum freien Sprechen und kennt Utrecht wie seine Westentasche: Parks, Kirchen, Theater, Muikhalle  – you name it, er kennt es und kann uns bestens informieren. Fünf Tage hatten wir ihn gebucht und so die Gelegenheit ’nachdackelnd‘ viel Neues zu erleben. Mein Lehrerinnentraume…  Danke, Bart!

Riedvelt

An einem ‚freien‘ Tag gehen wir ins Rietveld-Schröder Haus. Ein phänomenales Haus, das sich zu googeln lohnt. – https://www.rietveldschroderhuis.nl/en –  Mich erinnerte es sofort an die augenblickliche Tiny House Bewegung. Bitte auch googeln! – https://de.wikipedia.org/wiki/Tiny_House_Movement – Kein Wohnen für die Ewigkeit, sondern preiswerte Beweglichkeit. Die Räume im Obergeschoss können im Handumdrehen von drei Schlafräumen zu einem großem Wohnraum verändert werden: bewegliche Wände. Die Erbauer des Hauses, der berühmte Stuhlentwerfer Rietveld und Frau Schröder mit ihren drei Kindern, dachten, dass das Haus höchstens 50 Jahre übersteht – durchhält  und das war 1919. Auf der Website sieht man nicht, aus welch preiswertem Material alles gemacht ist.

Stoel

Dieser Stuhl ist auch von Gerrit Rietveld und weltberühmt. Ich habe ihn zum ersten Mal gesehen und darin gesessen, als MEIN ‚Hamburger Richtertheater‘ in Holland ein Gastspiel gegeben hat. Es scheint alles so gerade und eckig, aber man sitzt bequem.

Tafel

Das dazugehörige Tischchen fand ich auch ganz schön pfiffig und nachmachbar und zusammklappbar wegzustellen, oder?

Ruhe

Glücklich erschöpft sitze ich abends auf dem Balkon, lese die holländische VOGUE oder auch ELLE und ergötze mich an meinen verbesserten Niederländisch Kenntnissen und dem erbaulichen Artikel der 40jährigen Zadie Smith über das Älterwerden. Herrlich! Wenn sie wüsste, dass die Kür nach der erfolgreichen Pflicht so einen Charme hat!

…und so fühlt sich Utrecht an…

IMG_1949

Als ich  in meinem neuen Kleid und meinen wunderbaren ‚Lunge‘-Schuhen – Dankeschön an den genialen Hersteller! Diese Fufreundlichkeit für Menschen über 70! – auf diese Steine gesehen habe, da purzelte – ich will das Wort ’schoss‘ vermeiden – die Gleichnishaftigkeit in meinen Sinn. So klein und sanft-farbig und liebevoll und dauerhaft alt und bewährt wie diese wunderschönen Steine, so ist Utrecht!

Nach dem Aussteigen aus dem Bus war etwas Unangenehmes verschwunden, von dem mir gar nicht bewusst war, dass es so selbstverständlich zu meinem Alltag gehört hatte, nämlich der erst hier für mich spürbare offensichtliche Lärm war verschwunden, der sowohl akut als auch schwelend irgendwie immer über meiner Heimatstadt Hamburg schwebt. Hier ist es still in der Nacht und viel, viel stiller am Tag als bei uns in der Nacht. Alle Busse fahren elektrisch und die Straßen haben ohren-freundliche Belage.

Gemerkt habe ich das im Sonnenschein bei der ersten Tasse ‚koffie verkeerd‘ eine Stunde nach der Ankunft – köstlich und heiß.

Nachtrag: in Straßburg war ich bei den Grünen eine der Wenigen, die nach Milch für den Kaffee gefragt haben. Nach einer Weile habe ich mir die wiederverwendbaren durchsichtigen Becher der anderen angesehen und überrascht gesehen, dass nur schwarzer Kaffee darin war. Ich hatte gleich ein kleines schlechtes Gewissen: die armen Kühe, die Schrecken der Milchwirtschaft!

Die schöne Stille ist sicher auch ein vakantie-effect (Ferien Auswirkung), aber was für einer, den man für kein Geld kaufen kann. Unser gids Bart – Fremdenführer – eigentlich heißt  das Wort Führer, aber s.o. Wortvermeidung – ist wunderbar. In der 3 Minuten entfernten öffentlichen Bibliothek haben wir uns kennen gelernt. Wir haben den Grift Park total gründlich besucht: Obstgarten, Blumengarten, Berg zum Schlittenfahren, Bauernhof für Schulungszwecke. Alles, wie der Central Park in New York, künstlich gestaltet. Hier allerdings auf dem riesigen Gelände einer ehemaligen Gasfabrik von 1863. Der vergiftete Untergrund musste 60 m tief in metallene Pfähle eingepackt und das kontaminierte Wasser muss für immer abgepumpt werden.

Nachmittags mit unserer bequemen Bus-Linie – ganauso schön direkt wie in unserem schönen Hamburg – zum Kino  „t’hoogt“ gefahren und den Film „Maria by Callas“ gesehen. Gut besucht von Menschen unseres Alters. Der Film hat mir sehr gefallen. Selbst bei den Schellak-Tönen oder Bandaufnahmen gingen mir ihre Stimme, ihre Darbietung, ihre Operngestalten schnurstraks ins Herz.

In unserem Viertel habe ich gesehen, dass ein Haus zum Verkauf stand. Ich habe Bart gefragt, wie teuer so ein kleines holländisches Haus ist. Dreihunderttausend Euro, hat er geantwortet. Und die monatlichen Zahlungen? Vierhundert Euro. Ach, habe ich gedacht, hier ein Haus zu haben! Aber HABEN will ich es gar nicht, nur für eine lange Weile darin wohnen. Diesen plötzlichen Kaufimpuls haben wir bisher nur einmal gehabt – und das war in Venedig. Ich meine, das sagt doch alles…!!!

IMG_1947

Mit den GRÜNEN in Berlin + in der Kuppel des Reichstags – WOW!

Brandenburger 2

Eine Einladung des Presse- und Informationsdienstes der Bundesregierung – für jedermann und jederfrau! Wie wunderbar! Wirklich: eine Einladung, man steuert lediglich pro Person 10 € für Trinkgeld zu. Alles andere: Fahrt mit der Bundesbahn – Donnerstag morgens um 7.30 los und Freitag abends um 20.30 Uhr wieder in Hamburg. Übernachtung in einem sehr angenehmen 4 Sterne Hotel – relaxa hotel Stuttgarter Hof „Komfort und Herzlichkeit mitten in Berlin“ – ein herzhaftes Essen im Hopfingerbräu im Palais, am zweiten Tag Schnitzel im BERLIN Pavillon Tiergarten.

Wir sind 50 Personen und wundervoll zusammengestellt. Und ja – jeder kann sich melden, nicht nur (bereits) GRÜNE. Es sind 30 durchwegs ältere Mitbürger– naja, wer hat Donnerstag und Freitag frei? Der Altersdurchschnitt wird gnädig und erheblich gesenkt durch eine sehr sympathische Gruppe von 20 Migranten. Eine junge Frau und 19 junge Männer so um Mitte Zwanzig. Alle können beeindruckend gut Deutsch.

Wir werden im PAUL-LÖBE-HAUS sicherheits-gecheckt und dann von Anja Hajduk willkommen geheißen. Es ist wohltuend, von jemandem klare Antworten zu bekommen, der sich mitten im politischen Geschehen bewegt. Ich selbst denke oft „man sollte – man könnte – wieso macht eigentlich keiner …“ und nun wird das Problem in eine Umgebung und seine Möglichkeiten der Lösungsrichtung plaziert.

Beeindruckend unterhaltsam und lehrreich ist der einstündige Vortrag über die Arbeit und die politische und bauliche Geschichte des Bundestages. Vier Tribühnenabschnitte oberhalb des aus dem Fernsehen so bekannten Sitzungsgestuhls sind besetzt mit uns und Schulklassen. Die Vortragende hat eine wunderbare Stimme und die deutsche Geschichte hält uns tatsächlich in Bann. Wir wissen jetzt, wann der einzelne Abgeordnete in seinen Wahlkreis nach Hause fahren sollte, wann er in Berlin wieder ‚aufschlägt‘ – mitten hinein in einen Haufen von Anfragen und vorbereiteten Papieren, die er flugs studieren und dann im ersten Fraktionstreffen ventilieren muss. Wann die Arbeitsgemeinschaften ‚dran‘ sind, wo die Abgeordneten in Berlin leben, wie es über viele Gremien schließlich zu einer Gesetzesänderung oder einem neuen Gesetz kommt. Alles beeindruckend und interessanterweise für mich emotional beruhigend.

Kuppel

Dann geht es in die Kuppel des Reichtags. Norman Foster hat ein Meisterwerk geschaffen! Auch so schön die Bedeutung der Kuppel, in der das Volk über den Köpfen des Bundestages spazieren kann, weil ES der SOUVERAIN ist. Alle Macht geht vom Volk aus. – Unangenehm, dass ich beim Schreiben dieser Sätze spüre, wie diese Vokabel ‚Volk‘ neuerdings einen unangenehm gefährlichen Beigeschmack bekommen hat. Wir werden unsere Geschichte leider doch nicht ‚von selbst‘ los. Man muss sich politisch unbedingt selber einmischen und für die Ordnung – den Erhalt der Ordnung sorgen, die man sich wünscht und die allen gut tut.

Rainer und ich sind begeistert den ganzen langen geschwungenen Weg bis oben in Kuppel und nach dem bewundernden Rundblick über eine zweite Spirale nach unten gegangen. Die Sonne schien und die unendlichen vielen einmontierten Spiegel, die den Bundestag mit Sonnenlicht versorgen sollen, glitzerten kristallig.

Für diesen Tag waren es genug Eindrücke und so konnte man in den anschließenden 2 Stunden Stadtrundfahrt – Stop and Go, Berlin ist eine große Stadt mit den normalen Problemen – gut ausruhen.

Bär 2

Am Freitag geht es ins Bundesministerium der Verteidigung. „Ach du liebe Zeit! Naja …“ ist meine Haltung dazu als ich den Programmpunkt lese. Aber welche Überraschung! Beim Verlassen des Gebäudes bin ich richtig froh, dass es die Bundeswehr gibt. Der vortragende Offizier kommt gebürtig aus Hamburg und wollte sich uns – die Hamburg-Gruppe – nicht entgehen lassen. HSV und ST. PAULI streifen wir auch.

Wichtig ist für mich, dass ich am Schluss weiß, was für eine bunte demokratische Bundeswehr wir haben. Differenzierte Ausbildungen, keine Verherrlichung von Hierarchie und Männlichkeit. „Wir sind eine bunte Truppe: Männer und Frauen, Große und Kleine, Lesben und Homosexuelle, Transsexuelle,  wir repräsentieren unsere ganze deutsche Gesellschaft. Wer einen deutschen Pass hat, kann bei uns anklopfen und dann entscheidet die Eignung und die demokratische Gesinnung. Die ist fest verankert. Wenn wir daran zweifeln, dann sagen wir: hier ist die Tür!“

Die Bundesbahn versetzt uns leider, aber immerhin kommen wir eineinhalb Stunden später gesund und vollgestopft mit unvergesslichen (!) Eindrücken wieder in Hamburg an. Schön! … und ‚bedankt‘ – das würde der Holländer sagen und das sage ich auch: DANKE!

 

„Grundfragen der Maschinenethik“ von Catrin Misselhorn. Das interessiert mich enorm!

Ich habe den Titel im Feuilleton auf der Sachbuch-Bestsellerliste der ZEIT entdeckt. Ich lade das Buch runter und beginne sofort zu lesen – es ist Sonntagnachmittag, im Liegestuhl auf der Dachterrasse bei schönstem Sonnenschein.

In der Einleitung des Buches lese ich:

„Wie wichtig dieses Thema ist, zeigt sich auch an der großen Aufmerksamkeit, die mögliche Dilemma-Situationen beim autonomen Fahren in einer breiteren Öffentlichkeit erhalten haben. Was ist, wenn ein autonomes Fahrzeug ausschließlich die Möglichkeit hat, entweder eine alte Dame oder ein Kind zu töten?“

Ich lese das und denke, ich sehe nicht richtig. Schaue noch einmal nach, ob ich mich geirrt habe, ich dachte der Autor (die unpersönliche Form von allen Autoren, gell?) ist eine Frau. Tatsächlich!

Also auch sie findet das Gegenteil von einem Kind ist nicht ein alter Mensch, sondern das Gegenteil von Hoffnung – ein Kind – ist die Spitze von Abfall – eine alte Frau!

Hatte ich das nicht gerade bei David Precht gelesen und moniert? Er hatte drei alte Frauen – also gut, hier ist es nur eine. Was für ein Fortschritt! Frau Misselhorn sagt auch nicht eine alte Frau, sondern eine alte Dame. Soll ich das als Verbesserung empfinden? Was ist der Unterschied zwischen einer alten Frau und einer alten Dame? Meiner Empfindung nach hat eine alte Dame das Glück von mehr Kultur in ihrem Leben gehabt. Mehr Geld, mehr Ausbildung. So wie offensichtlich Frau Misselhorn selber.

Mich erschüttert das. Sie nimmt sich selbst nicht aus! Irgendwann wird sie dort – im glücklichen Fall – auch ankommen.

Ich googele die Dame. Wer ist diese ’Schwester’ von mir. Prof. Dr. Catrin Misselhorn, 48 Jahre alt, Institut für Philosophie, Universität Stuttgart. Inhaberin des Lehrstuhls für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie und Direktorin des Instituts für Philosophie. Jetzt bin ich noch mehr erschüttert. Philosophie ist ihr Gebiet, da wiegen die Begriffe. Was soll ich dazu sagen? Die Fotos zeigen eine hübsche fröhliche Frau. Mit all diesen Informationen eines erfolgreichen Lebens als Attribute eines Mannes hätte ich – wie ich mich kenne – wenigstens in Gedanken einen Kübel von Entrüstung über ihn ausgeschüttet. Was soll ich zu dieser – ich hoffe doch! – unreflektierten gedanklichen Selbstverständlichkeit sagen? Und wer war wohl der Lektor – oder noch schlimmer – die Lektorin des Buches im Verlagshaus Reclam – einer Säule deutscher Bildung für alle.

Ein Kind – das ist Hoffnung, eine alte Dame – das kann weg. ??? Das ist ja eine schwere Entscheidung für das autonom fahrende Auto. Mir persönlich zeigt diese scheinbar gesellschaftlich selbstverständliche Einschätzung, dass der große Wert alter Menschen und besonders der alter Frauen noch (?) nicht genug ausgedrückt worden ist.

Klar, ich bin Feministin. So nehme ich die Welt aus den Augen einer Frau wahr. Mit Interesse lese ich auf Facebook heute Morgen einen Beitrag, den meine 33jährige Freundin – sie war nach meiner Pensionierung während meines Jahres in Shanghai meine chinesische Sprachpartnerin – ins Netz gestellt hat, dass alljährlich chinesische Eltern in Peking in einem Park eine Spaziergang machen, auf dem sie häufig das CV – curriculum vitae/Lebenslauf – ihrer Töchter als Schild mittragen, um einen Ehemann für die Tochter zu suchen. Die Töchter finden das nicht gut.

So, nun kann ich Frau Misselhorns Buch weiterlesen.

——————————

Ursula Künning, eine an sprachlicher Diskriminierung interessierte Bloggerin von Blog50+  ist aktiv geworden und hat mir diese Mail auch zukommen lassen:

Sehr geehrte Frau Misselhorn,
 
Diese Sequenz aus Ihrem neuen Buch fand ich im Blog der sehr entsetzten 78jährigen Bloggerin und Schriftstellerin Elisabeth Scherf:
 
„Wie wichtig dieses Thema ist, zeigt sich auch an der großen Aufmerksamkeit, die mögliche Dilemma-Situationen beim autonomen Fahren in einer breiteren Öffentlichkeit erhalten haben. Was ist, wenn ein autonomes Fahrzeug ausschließlich die Möglichkeit hat, entweder eine alte Dame oder ein Kind zu töten?“
Diese Sprache schmerzt. Frau Scherf ist 78 Jahre alt, ich zähle 66 Jahre. Alte Damen, die froh sind am Leben zu sein, politisch engagiert sind und die einiges zu sagen und zu schreiben haben. Warum setzen Sie das Leben des Kindes nicht gegen das eines anderen Kindes, eines 30jährigen Familienvaters, eines 55jährigen Professors. Deshalb nicht, weil diese Leben Ihnen, sowie Herrn David Precht, der gleich drei alte Frauen einsetzte und den vielen Kollegen vorher, gleichwertig erscheinen. Warum tradieren Sie überhaupt dieses Dilemma, das bisher gar nicht in Erscheinung getreten ist. Können evtl. vorherbare Konfliksituationen nur in einer diskriminierenden Sprache verhandelt werden?
Diese Sprache ist zutiefst altersdiskriminierend und sexistisch.
——————————
… und Frau Misselhorn hat reagiert;

Sehr geehrte Frau Künning,

vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich kann Ihr Unbehagen ein Stück weit nachvollziehen. Allerdings habe ich eine Frage aufgegriffen, die in der Diskussion gängig ist, und keine Meinung zum Ausdruck gebracht. Frau Scherfs Interpretation: „Also auch sie findet das Gegenteil von einem Kind ist nicht ein alter Mensch, sondern das Gegenteil von Hoffnung – ein Kind – ist die Spitze von Abfall – eine alte Frau!“ liegt mir völlig fern und ergibt sich in keiner Weise aus meinen Äußerungen.

In dem Teil meines Buchs, in dem ich diese Thematik ausführlicher diskutiere, ziehe ich sogar genau die Schlussfolgerung, dass eine solche Abwägung eben gerade nicht moralisch zulässig ist. Deshalb denke ich, der Sache nach bin ich gar nicht so weit von Ihnen weg.

Trotzdem nehme ich mit, dass die Passage offenbar missverstanden werden kann und ungute Gefühle auslöst. In der nun anstehenden zweiten Auflage werde ich die „alte Dame“ deshalb durch einen „Menschen am Ende seines Lebens“ ersetzen.

Mit freundlichen Grüßen

Catrin Misselhorn

Immerhin! Das finde ich gut!

 

Zurück aus Straßburg von den ’Journées d’été 2018’ der französischen GRÜNEN

Straßburg 2

 

Am Mittwoch – 22. August um 4.30 – klingelt mein Wecker, denn um 5.24 fährt mein Bus zum Bahnhof. Am Abend davor war noch Streichquartett bei uns und hinterher ’Wein und Brot’ auf der Terrasse. In diesem Jahr auch für unsere anderen Spielabende – Ma Jong und Doppelkopf – das perfekte Ambiente. In diesem Jahr werden wir verwöhnt. Schade, dass man das nicht nur als schönen heißen Sommer ’wie früher immer’ (?) interpretieren darf.

Ich bin schon um 12.30 Uhr in Straßburg im Hotel ’Cap Europe’- 900 Zimmer, 3 Sterne, viel Jugend. Anfahrt, Kongresskosten müssen wir selber tragen und zum Hotel gibt es einen kleinen Zuschuss von den ’Europäischen Grünen’ in Brüssel. Am dritten Tag erfahre ich, wer oder was sich hinter dem Begriff ’Europäische Grüne’ zusammenfindet.

Das Hotel ist ok. Ich entscheide für mich, dass ich bei diesem Ausflug wunderbar testen kann, wie anpassungsfähig ich noch bin. Nach der ersten Nacht fallen mir morgens die Übungen zum Zurechtrücken der Wirbelsäule von Anka – Physiotherapeutin – ein: liegend Kopf zur einen Seite und die angewinkelten Beine entspannt zur anderen Seite fallen lassen und dem Rücken Zeit zur Entspannung lassen. Funktioniert!

Beim Verlassen meines Zimmers hantieren zwei Leute an der Tür nebenan. Ich hatte angenommen, dass wir deutschen Grünen nebeneinander die Zimmer bewohnen und grüße in Deutsch. Die Antwort kommt auf Französisch und ich habe Jaques kennengelernt. Er spricht ein wenig Deutsch, hat keinen Zuschuss bekommen und frühstückt deswegen für 2 € auf dem Kongressterrain, dem Centre Culturel St. Thomas. Im Europaviertel in Strasbourg, der Hauptstadt Europas, steht ein futuristisches Riesengebäude neben dem anderen. Hier trifft sich ja unser Parlament, hier sitzt der Europäische Gerichtshof, die letzte Instanz in Fragen des Rechts.

Mit der Tram, einer wundervollen Straßenbahn – geräumig, schnell, läuft zukunftsträchtig auf Schienen – kann ich glücklicherweise mit Jaques bis zur Tagungsstätte fahren. Diese Gelegenheit hatte ich fest eingerechnet. Allein habe ich mit Stadtplan am ersten Tag an meinem langen freien Nachmittag nur die Innenstadt, die mittelalterliche Altstadt und einige Läden zu erkunden geschafft: es war so heiß, dass ich für die beiden ersten Tage noch ein Bluse und ein T-Shirt kaufen musste. Zu schön, solche Zwänge!

Auf dem Gelände, St. Thomas scheint ehemals ein Kloster gewesen zu sein. Unsere frugalen Mahlzeiten – repas frugal = einfaches Essen – werden dort gekocht. Der Mythos von phänomenaler französischer Kochkunst – auch vegetarischer Kochkunst – stellt sich als ’wishful thinking’ meinerseits heraus. So ist das Schönste an den Mahlzeiten der runde Tische mit acht Plätzen: wir lernen uns ungestört durch zu gutes Essen, alle angeregt unterhaltend kennen. Ich kann trotz des Lärmpegels meine Tischgenossen gut verstehen.

Ich treffe bei diesem ’rencontre’ so viele sympathische, aufgeschlossene, interessierte, weltoffene Menschen! Ich fühle mich während der ganzen Zeit wohl. Meine Kennenlern-Offensive geht übrigens immer so: „Est-ce qu’est tu est Français?“ (Bist du Französisch?) – „Mais bien sûr!“( Ja klar!) – „Je demande parce-que il y a aussi quelques Allemands ici et moi je suis Allemande et je veux bien faire des conaissance avec des Français!“ (Ich frage, weil auch Deutsche hier sind und ich bin Deutsche und möchte Franzosen kennen lernen.) Lachen und spontanes Vorstellen.

Zwei Tage vor der Reise war die LAG Europa beim  französischen Konsul in Hamburg im Institut Français eingeladen. Mich hat seine Mitteilung aufmerken lassen, dass Europa unter anderem in Gefahr ist, weil sich immer weniger Franzosen und Deutsche persönlich treffen und miteinander reden. Das hat mich berührt! Der Traum von Europa kann als Gedanke nur durch uns Menschen lebendig aufsteigen und sich verwirklichen. Darum habe ich mir schon im Zug nach Frankreich vorgenommen, meine Visitenkarten Französinnen und Franzosen zu geben, die ich sympathisch finde und ihnen zu sagen, dass ich ein Treffen mit Franzosen für nächstes Jahr in Hamburg organisieren möchte. Und zwar mit Privatleuten. Einige Franzosen sprechen Deutsch. Wer dies liest und Interesse hat Franzosen zu treffen, kann mir gern unten einen Kommentar schreiben. Übrigens haben mir heute André aus der Bretagne und Christine aus der Auvergne, nahe zur Schweizer Grenze, bereits gemailt.

Ach ja: eine große Überraschung war die Altersstruktur. Ich dachte, ich bin da zwischen lauter jungen Leuten und falle etwas ’raus und auf. Aber weit gefehlt! Viele sind pensioniert, gehören mit zu den Gründern der Partei und sind nach wie vor politisch aktiv. Am letzten Tag sitze ich neben einem pensionierten Förster. Er gibt mir seine Karte, lädt mich seinerseits nach Frankreich ein. Am nächsten Tag im Bus zum Bahnhof treffe ich ihn wieder. Seine Frau lädt mich noch einmal ein, es gebe ein Gästezimmer und ich sei, natürlich mit meinem Mann, herzlich willkommen. Nach Hamburg zu kommen halten beide für eine gute Idee.

Jetzt habe ich noch gar nichts über die Workshops, die Ateliers gesagt. Ich kann immer gedanklich gut folgen, wenn die Vortragenden fein deutlich oder mit Pausen sprechen, aber – helas – oft sind sie so vom Thema beseelt, dass ’der Mund überfließt wes das Herz voll ist’.

Das Frauenthema kommt voll zu seinem Recht, oft wieder aus gedrängt vollem Herzen. Ein völlig neues Wort lerne ich dort. Die dringend notwendigen Frauenhäuser werden erst gegründet, nachdem eine Frau ’se défenestrée’ hat. In Deutsch: sich ge- oder entfenstert hat, korrekt ’sich aus dem Fenster gestürzt hat’. Komisch, dass wir das Wort ’fensterln’ haben und das meint das glatte Gegenteil von dem verzweifelten Sprung der Frau aus dem Fenster aus Angst vor dem Partner. Das Wort ’elle s’est défenestrée’ hat mich in seiner Kürze den ganzen Film ihrer Verzweiflung sehen lassen.

Ein weiteres Wort war der Name einer Gruppe, die bis heute erfolgreich mit Flüchtlingen arbeitet. Klar ist für alle Grüne, dass jedem Menschen auf der Flucht geholfen werden muss. Fraglos auf jeden Fall das reine Überleben! Der Bericht einer engagierten Frau macht großen Eindruck wegen des sympathischen Namens: voisins-d-ailleurs = Nachbarn von anderswo, weitere Nachbarn, übrigens Nachbarn. Dieser Begriff ist warm, herzlich, umfasst ein ganzes wohlwollendes Gedankenspektrum und Taten beginnen in Gedanken.

Sven Giegold (guter Mann!) – der EU-Abgeordnete der deutschen Grünen – war auch da und hat einen guten Vortrag in vorzüglich verständlichem perfekten Französisch gehalten. Es ging um Finanzkapitalismus, den manche in manchen Ateliers am liebsten den Garaus gemacht hätten. Sven vertraut absoluten Neuanfängen nicht, deren notgedrungene Anfangsfehler sollte man vermeiden und lieber mit Institutionen arbeiten, die gewünschten Resultaten bereits entgegenkommen. So plädiert er dafür, eigenes Geld bei Genossenschaftsbanken (beispielsweise GLS) zu lassen, denn die investieren in menschenfreundliche Projekte. Auch Sparkassen sind seiner Meinung nach empfehlenswert, denn die agieren für lokale Projekte. Alles aus grüner Sicht gut. Ich erfahre – wenn ich recht verstanden habe – dass es diese Institutionen in Frankreich nicht gibt.

Der dritte Tag war sprachlich eine Erleichterung, weil alles ins Englische übersetzt wurde. Diesen Tag hatten die European Greens organisiert, die Mitveranstalter des gesamten Treffens waren.

Ich habe erfahren, dass man die European Greens nicht wählen kann, sondern diese Gruppe im Europäischen Parlament das Dach aller Grünen Europas ist. Ihre Macht im Parlament füttert sich aus den jeweiligen Wahlen im Heimatland. Also: immer schön möglichst GRÜN wählen, gell?

Am letzten Tag frühstücke ich mit der Jüngsten des Kongresses. Das ist Stefanie aus einem kleinen Ort südlich von München. Sie ist ganze 16 Jahre! Da sie Deutsche ist, frage ich sie erst für diesen letzten Tag, ob wir den freien Vormittag in Straßburg gemeinsam verbringen sollen. Ja.

Die Rückfahrt läuft nicht planmäßig: ich komme erst eine Stunde später in Hamburg an. Allerdings muss ich sagen, dass das Bahnpersonal entzückend ist. In Straßburg auf dem Bahnhof kommt der TGV Paris – Basel mit 20 Minuten Verspätung auf dem falschen Gleis an. Ich kann meine 1. Klasse Wagen nicht selber nachsehen. Ich frage in eine aufgeregt diskutierende Runde von Dienstmännern. Ziehe mich unverrichteter Dinge schnell wieder zurück. Als die Gruppe sich auflöst, schaut einer herum, entdeckt mich, ich schaue ihn an, er ruft laut in meine Richtung: „Pour vous c’est S!“ Also Abschnitt S. Ich bin entzückt und rufe: „C’est très gentil. Merci, merci!“ Das ist nett/lieb. Danke. Plötzlich ruft ein anderer Dienstmann belustigt: „Normalment il est très méchant!“ Normalerweise ist er sehr böse/hämisch/mies/bissig. Wir lachen alle drei und winken fröhlich.

In Karlsruhe ist mein Zug natürlich leider weg, ich kriege den guten Rat, nach Mannheim zu fahren. Froh im Zug zu sein bestelle ich – mich entspannen wollend (!) –  Kaffee. Die deutsche Kontrolleurin kommt. Wie komme ich denn nun weiter? In Frankfurt aussteigen und dann den Zug nach Hamburg nehmen. In 15 Minuten sind wir schon in Frankfurt. O Schreck! „Und mein Kaffee? Ich wusste nicht, dass es so schnell geht.“ „Ach, das macht nichts. Möchten Sie denn den bestellten Kaffee haben?“ Ich bejahe vehement. „Ok“, sagt sie, „dann bestelle ich Ihnen den jetzt um in einen Kaffee to go.“ Wie eine fürsorgliche Mutter läuft sie den weiten Weg zum Bordrestaurant und bestellt mir einen schnellen Kaffee to go. Wie entzückend ist das denn? Ich bin hingerissen und finde meine späte Rückankunft in dem wunderschönen Hamburg um fast 23 Uhr gar nicht mehr schlimm. So ist mein Leben um fünf wunderschöne Tage reicher! Danke!

Straßburg1